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PRO & CONTRA (1/2) 09.02.2005
Die Diskussion um den Videojournalismus
Von Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Arbeitsplätze seien in Gefahr, warnen die einen und sehen die Qualität journalistischer Arbeit in den Redaktionen weiter schwinden. Unsinn, sagen die anderen und schwärmen von ganz neuen Chancen für das Fernsehen: Autoren könnten eigenständiger arbeiten, seien flexibler - und ihre Beiträge authentischer. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

Gehe zu: 
"Nach den ersten Drehs gesellt sich zur Skepsis Demut: Natürlich sehen Häuser furchtbar aus, wenn man das Stativ nicht ordentlich mit der Libelle ins Lot setzt. Natürlich sind Bilder von ruhigen, statischen Objekten, wenn sie aus der Hand gedreht werden, lächerliche Wackelgebilde. Unprofessionelles Heimkino. Und natürlich taugt ein Zoom, der ruckelt und kein Ende findet, nur für den Papierkorb. Videoreporter: Ein sicherer Weg, sich richtig zu blamieren?"
(Frank Lehmann 2003, 43)
Videojournalist beim Hessischen Rundfunk

Seit den Anfängen des Videojournalismus in Deutschland haftet dem Berufsbild ein zwiespältiger Ruf an. "Ein Ein-Mann-Team ist billig und seine Produkte sind es wohl auch. Denn Wortjournalisten, die gute Bilder machen können, sind häufig wie Kameraleute, die hervorragend schreiben können", sagte beispielsweise Hans Hessen von der Radio Bremen-Sendung "buten und binnen", als ihn vor zehn Jahren das Medienfachmagazin Sage & Schreibe (1994, 3) nach seiner Meinung über Videoreporter fragte.

"Wenn das Ein-Mann- oder das Eine-Frau-Team gut in Bildgestaltung und Text ist, journalistisch denken, schreiben und fragen kann, dann sind Einsätze für solche Solisten sicherlich vertretbar", urteilte hingegen Helmut Schimanski von der ZDF-Länderspiegel-Redaktion (ebd.).

Stefan Feldmann, stellvertretender Chefredakteur des Franken Fernsehens, prognostizierte seinerzeit jedoch, der ökonomische Vorteil werde sich gegenüber den journalistischen Bedenken als stärker erweisen: "Es wird leider nur eine Frage der Zeit sein, bis sich diese Art der Produktion durchsetzt, traurig aus journalistischer Sicht, aber rentabler für das Unternehmen." (ebd.)

Gewerkschaften und Personalräte üben Kritik

Tatsächlich ist der Videojournalismus zehn Jahre später in den Redaktionen angekommen und hat die Diskussion um Qualität und Rationalisierung neu entfacht. Scharfe Kritik üben beispielsweise Personalräte und Gewerkschaften. So sieht der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) sowohl die Gesundheit von Videojournalisten als auch die journalistische Qualität ihrer Arbeit bedroht. Beides sei auf die hohe Arbeitsverdichtung zurückzuführen, da die Betroffenen zusätzlich die Tätigkeiten von Kameramann und Cutterin übernähmen. Zu empfehlen sei ihr Einsatz daher weniger im tagesaktuellen Bereich, sondern eher für kleine Features (vgl. DJV 2004, 20).

Der Personalrat des Hessischen Rundfunks kritisiert zudem die mangelnde Qualitätskontrolle. Da der komplette Herstellungsprozess eines Beitrags auf eine Person konzentriert wird, fehle oft der kontrollierende, zweite Blick. Insgesamt sei sogar die Außendarstellung des Senders gefährdet, da auch der Gebühren zahlende Zuschauer merken könne, dass die Berichte nicht wie hochwertige Produktionen erscheinen (vgl. Samlowski 2004, 15).

Sparmaßnahme der Sender

Dass die Sender mit dem Einsatz von Videojournalisten kostengünstiger arbeiten können, ist unumstritten. Während das für Fernseheinsätze übliche Dreier-Team aus Kameramann, Tonmann und Autor rund 2000 Euro am Tag kostet, reduziert sich die Summe für Honorar und Technik beim Videojournalisten auf gerade mal etwa ein Viertel (vgl. Foraci 2004, 21).

Obwohl der Hessische Rundfunk unter Verdacht steht, sein externer LinkVideojournalisten-Projekt diene in erster Linie der Rationalisierung (vgl. Wolf 2003, 14), versteht Jan Metzger, Leiter des "Hessen Fernsehens", die Initiative nicht als Sparmaßnahme, sondern als deutliche Bereicherung für die gesamte Berichterstattung. Mit Blick auf entlegene Regionen, die im Fernsehen bisher kaum auftauchten, sagt er: "Die Videoreporter erweitern unser Programm um Inhalte, die wir sonst nie produzieren würden." (zit. nach Meuren 2003, 32).

 VIDEO: 
externer LinkDas harte Geschäft der Bilderjäger hat die Sendung ZDF.reporter in einer eindrucksvollen Reportage verarbeitet. Der Beitrag zeigt, wie ein Unglücksreporter aus dem Ruhrgebiet mit dem Leid anderer Leute Geld verdient - und dabei selbst leidet. Sehr sehenswert!

Ähnliche Gründe führen Vertreter von zahlreichen US-Fernsehsendern an, die sog. "Videographern" hauptsächlich das Rohmaterial von Unfällen und anderen Unglücken zum Niedrigpreis von etwa 135 bis 155 Dollar abkaufen (vgl. Didier 2003, 12ff.). In Metropolen wie Los Angeles, wo nach Schätzungen der Los Angeles Times etwa 20 bis 35 etablierte "Freie" dieser Videoreporter-Spezies konkurrieren, ist ihr Einsatz hauptsächlich geographisch begründet:

"Wenn daher am Rand der Neun-Millionen-Stadt etwas passiert, sind freie, lokale Reporter meist schneller vor Ort als die fest angestellten Kollegen, die sich womöglich erst aus entfernten Stadtteilen wie Burbank auf den Weg machen müssen und dann auch noch im Stau stecken bleiben. Und die einzige andere Alternative – der Einsatz eines Nachrichtenhubschraubers – kostet pro Stunde ungefähr acht- bis zehnmal so viel dessen, was einem Freien für seine Bilder bezahlt wird."
(Didier 2003, 13)

Tagesaktuell oder hintergründig?

Das Tätigkeitsprofil von Videojournalisten ist durchaus vielfältig und – je nach Ausprägung – unterschiedlich anspruchsvoll. So sieht Massow die Stärken einerseits "weniger in der aufwendigen Recherche und sorgfältigen Dokumentation eines Themas, sondern in der aktuellen Fernsehberichterstattung" und hebt – analog zu den Videographern in den USA – "das schnelle Draufhalten der Kamera, das Festhalten von Sensationen und dazu gemachten Ereignissen" hervor (vgl. Massow 2000, 209).

Andererseits betont er, dass Videojournalisten keinesfalls nur tagesaktuelle Formate bedienen. Ihre Tätigkeit "überschneidet sich durchaus auch mit der Arbeit von Magazin- und Dokumentationsjournalisten, die immer häufiger selbst zur Kleinvideokamera greifen und beispielsweise politische Hintergrund- und Kultursendungen einfangen." (ebd.)

Auch Bernd Kliebhan, Leiter des Videojournalisten-Projekts beim Hessischen Rundfunk, sieht Aktualität nicht als ausschließliches Argument für die Beschäftigung von Kamerareportern: "Momentan ist Video-Journalismus nicht die schnellste Produktionsform. Die VJs sind sehr flexibel, aber nicht unbedingt schneller [...] Für hochaktuelle Berichterstattung müssen mehrere Personen zeitgleich an einem Thema arbeiten." (zit. nach Samlowski 2004, 15)

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Größere Intimität zwischen Reporter und
Protagonisten - dank unauffälliger Technik.

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