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Neu, innovativ und weltoffen. So kann das wohl freieste Format des Journalismus charakterisiert werden. Aber wie sieht es mit der Qualität der Inhalte aus? Gibt es auch hier Standards, die eingehalten werden müssen?
Fachgebiet Journalismus, Quizrunde Vier. Der Applaus legt
sich, das Publikum wartet gespannt auf die nächste Frage.
Unruhe auch beim Kandidaten. Es geht schließlich bereits
um 50.000 Euro. Der Moderator spitzt seine Lippen und setzt
zur Frage an. Die Spannung in der Luft ist fast greifbar.
"Stellen Sie sich vor, Sie wären Redakteur einer
der größten Online-Redaktionen Deutschlands. Ihr
Chef plant die Einführung von Weblogs auf den Seiten
ihrer Redaktion. Qualität der publizistischen Inhalte
wird bei ihm großgeschrieben. Deshalb sollen Sie auf
dem nächsten Redaktionsmeeting ihren Kollegen die Bewertungskriterien
präsentieren. Nennen Sie die wichtigsten!"
Das ist doch keine 50.000-, sondern eine 200.000 Euro-Frage. Ich hätte doch vorher aussteigen sollen. Egal. Jetzt bleib ich dran.
Der Kandidat versucht sich zu erinnern, wie er sich in den letzten Wochen im Netz auf die Show vorbereitet hat. Dabei recherchierte er auch zum Thema Weblogs. Gott sei Dank.
Da gab es doch diese Studienarbeit eines Salzburger Studenten? Ging es da nicht auch um die Qualität? Stimmt. War da nicht ein Link zu cyberjournalist.net?
Die Gäste im Studio und auch die Zuschauer vor der Mattscheibe
zu Hause werden unruhig. Der Fokus der Kamera gleitet über
das Publikum, wo die Stille einem allgemeinen Gemurmel gewichen
ist. Kameraschwenk zurück auf den Kandidaten. Stirnrunzelnd
und mit kleinen Schweißperlen auf dem Gesicht sitzt
er wie angewurzelt auf seinem Stuhl und denkt nach.
Cyberjournalist, cyberjournalist,… was hatten sie noch mal über die Ethik des Bloggens geschrieben? Irgendwas mit aufrichtig und ehrlich…
Der Moderator wird ungeduldig: Wie sieht es aus? Ihre Antwort?
In die Show zurückgerissen reagiert der Gefragte: Einen
kleinen Moment noch.
Schon versinkt er wieder in seinen Gedanken. Er versucht
sich verschiedene journalistische Weblogs ins Gedächtnis
zurückzurufen, die er im Netz gefunden hat. Spontan fällt
ihm das Warblog von "Salam Pax" ein. Die Nervenzellen
seines Denkapparates laufen auf Hochtouren. Welche typischen
Merkmale wiesen die Einträge zur Berichterstattung aus
dem Irak auf? Verglichen mit dem Weblog vom Guardian fallen
ihm kaum Gemeinsamkeiten auf. Und trotzdem: beide sind journalistisch.
Der Moderator schaltet sich wieder ein: "Jetzt brauche
ich aber so langsam mal eine Antwort von Ihnen!"
"Das ist gar nicht so einfach", platzt es aus dem
Kandidaten heraus: "Für Weblogs gibt es keine festen
Regeln. Das ist das einzige, was er mit Bestimmtheit sagen
kann. Einen allumfassenden Standard der Qualitätskriterien
gibt es nicht."
Der Moderator reagiert übertrieben überrascht:
"Aber auf meiner Karte stehen welche! Kehren Sie noch
einmal in sich. Sie wissen es!"
Nun ist der Kandidat vollständig irritiert.
Was will der Moderator hören?
Mit unsicherer Stimme antwortet er: "Vielleicht so etwas
wie Unterscheide zwischen Fakten, Kommentaren und tendenziöser
Berichterstattung oder niemals falsche Informationen veröffentlichen?"
"Richtig! Genau das steht hier", gibt der Moderator
erleichtert zurück.
Die Zuschauer atmen bei den letzten Worten spürbar auf.
Applaus. Doch der Moderator ergreift erneut mit erhobener
Hand das Wort: "Moment noch, liebes Publikum. Die Liste
ist leider noch nicht komplett. Kennen Sie noch weitere Merkmale?"
Wie aus der Pistole geschossen kommt es nun aus dem Kandidaten
heraus: "Stelle sicher, dass alle Inhalte korrekt und
nicht übertrieben oder vereinfacht wiedergegeben sind."
Der Moderator steht unter Zeitdruck: "Wunderbar! Hier
steht zwar noch mehr, aber das lasse ich gelten!"
Die Zuschauer sind begeistert. Der Kameramann kann sich nicht entscheiden, ob er das enthusiastische Publikum ins Visier nehmen, oder den erleichtert wirkenden Kandidaten fokussieren soll.
Gefehlt hätte noch: "Niemals Fotos manipulieren,
ohne dies deutlich zu machen, aber wie gesagt, Sie sind eine
Runde weiter!"
Langsam ebbt der Applaus ab. Auf geht's zu Runde Fünf.
Am Ende der Sendung sind es 300.000 Euro. Ein zufriedenes Publikum und ein glücklicher Kandidat verlassen das Studio. Eine tolle Show - für beide Seiten.
Dennoch, zufrieden ist er nicht mit seiner Leistung. Auf dem Nachhauseweg muss er immer wieder über die Frage aus Runde Vier nachdenken. Sie will ihm nicht aus dem Kopf gehen.
Die Antwort war richtig, aber trotzdem auch falsch. Wie er schon in der Show gesagt hat: Es gibt keine festen Regeln.
Immer wieder kreisen seine Gedanken um diese Aussage. Zu
Hause angekommen, setzt er sich sofort vor seinen Computer.
Jetzt sucht er gezielter. Auf der Seite von "Die Zeit"
wird er fündig. In Beruf Terrorist schreibt Jochen Bittner
fast täglich über die terroristischen Vergehen auf
der Welt. Bittner ist der Meinung, das Weblogs dann qualitativ
hochwertig sind, "wenn sie das Tagesgeschehen widerspiegeln,
kompetent einordnen oder kritisch begleiten".
Hatte ich also doch recht. Eindeutige Kriterien gibt es nicht, aber vielleicht finde ich noch mehr.
Und tatsächlich. Auch Jörg Sadrozinski von tagesschau.de
sagt etwas anderes: "Im Grunde sind es die Kriterien,
die zum Teil auch die journalistische Berichterstattung ausmachen:
Wahrheit, Klarheit und keine Langeweile".
Bevor er die Internetverbindung trennt, gibt er noch einmal die Adresse von cyberjournalist.net ein. Und wirklich. Hier sind die Antworten des Moderators aufgelistet.
Allerdings hat er die wichtigsten vergessen zu erwähnen:
"Sei aufrichtig und ehrlich", "Schreibe niemals
aus einem anderen Blog ab" und "Identifiziere und
verlinke zu der Nachrichten-Quelle - wenn möglich".
All das steht unter dem Begriff Blogging-Ethik.
Feste Regeln gibt es nicht. Ich hatte Recht.
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