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Als Gründer von JuraWiki ist Ralf Zosel einer der
aktivsten Protagonisten der deutschen Wiki-Szene. Wir sprachen
mit ihm über seine Erfahrungen.
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| (Screenshot/Montage:
FH-Darmstadt) |
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Sie haben Jurawiki gegründet, wie kam es dazu?
Vor einiger Zeit erhielt ich per
Mailingliste einen Link auf LinuxWiki. Sofort war ich davon
begeistert, wie einfach
es ist, mit Wikis direkt im Netz Texte zu schreiben. Als
ich mir die verschiedensten Wikis angesehen habe, ist mir
aufgefallen,
dass es keine speziellen Seiten für Juristen gibt. Deshalb
bin ich mit JuraWiki online gegangen.
Ein Format, bei dem jeder mitschreiben darf - kann das gutgehen?
Viele glauben nicht, dass man mit Wikis vernünftig arbeiten
kann. Das ist wohl das größte Problem. Wiki ist
ein Werkzeug im Internet, das mehr als alle anderen auf Zusammenarbeit
setzt und diese auch fördert. Das "Rauschen"
ist wesentlich geringer als z.B. in Newsforen, wo so genannte
"Trolle" die Diskussion der übrigen Teilnehmer
massiv stören können. Interessant ist, dass selbst
jetzt, wo sich Wikipedia zum Massenphänomen entwickelt,
diese Zusammenarbeit insgesamt noch sehr gut funktionert.
Ich bin also ganz optimistisch, dass Wiki nicht das gleiche
Schicksal wie anderen prinzipiell guten Werkzeugen wie E-Mail
oder Newsgroups beschieden ist, deren Benutzung inzwischen
doch ziemlich erschwert wird.
Was motiviert User, sich aktiv mit Beiträgen zu
beteiligen?
Die Frage nach der Motivation ist in der Tat das Thema, das
mich bislang am meisten beschäftigt hat. Ein Wiki ist
schnell in die Welt gesetzt, technisch ist das kein allzu
großes Problem. Dann schreiben Sie ein paar Seiten und
erklären, worum es in diesem Wiki gehen soll. Und dann
stellen sie fest, dass erst einmal gar nichts passiert. Viele
Wikis kommen über dieses Stadium gar nicht hinaus. Die
Kunst besteht darin, das Wiki bekannt zu machen und Leute
zum Mitmachen zu bewegen. Wiki ist ein geniales Arbeitsmittel,
das Zusammenarbeit auf einzigartige Weise fördert. Ein
Beispiel: Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige,
mache ich meine Notizen nicht in einem Notizblock, sondern
im Wiki. Das entspricht nicht der gewohnten Arbeitsweise.
Sonst sitzt man erst im stillen Kämmerlein und traut
sich erst an die Öffentlichkeit, wenn das Ergebnis fertig
ist. So aber habe ich die Chance, dass mir andere von Anfang
an wertvolle Tipps geben. Gleichzeitig profitiert die Allgemeinheit
von meinen Bemühungen. Selbst wenn ich irgendwann die
Lust verliere und mich nicht mehr weiter um die Seite kümmere,
können andere an das bereits geleistete anknüpfen
und die Seite später weiterschreiben.
Sie laden auch Laien ein, sich zu beteiligen. Haben Sie
keine Angst um die Qualität?
Im Wiki wird offensichtlich, was im Grunde für alle
Publikationsformen gilt. Man sollte sich ständig Gedanken
darüber machen, ob das, was man gerade liest, überhaupt
stimmt. Bei klassischen Medien vertraut man auf die Redaktion,
die Verleger oder einfach die Marke. Im Internet ist es oft
schwierig, die Qualität der Information zuverlässig
zu beurteilen. Das Wiki aber macht die Entstehungsgeschichte
des Textes vollständig transparent. Wenn sich in einem
Wiki mit einer lebendigen Community ein Text längere
Zeit hält, spricht einiges dafür, dass da etwas
dran sein könnte. Fehlinformationen werden in der Regel
schnell entfernt, was auf "klassischen" Websites
natürlich nicht so einfach geht. Wenn also ein Laie einen
Gedanken notiert, der auch von Fachleuten nicht gelöschen
wird, dann spricht einiges dafür, dass der Gedanke so
dumm nicht ist.
Wie kann man sich von der Qualität einzelner Beiträge
überzeugen?
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| Ralf Zosel (Foto: Privat) |
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Wenn man das Wiki kennt, in dem der Beitrag steht, man gute
Erfahrungen damit gemacht hat und das ganze plausibel klingt,
wird man vielleicht geneigt sein, nicht an dem Wahrheitsgehalt
zu zweifeln. Aber Vorsicht ist natürlich immer angebracht.
Anders als bei sonstigen Publikationen kann jeder genau nachvollziehen,
wer wann was geschrieben hat und wie der Text entstanden ist.
Dazu stellen Wikis vielfältige Hilfsmittel zur Verfügung.
Zunächst einmal sehe ich oft schon auf der Seite selbst,
wann der Text zuletzt von wem geändert wurde. Die Versionskontrolle
macht die gesamte Entstehungsgeschichte transparent. Mit der
Differenz-Anzeige kann ich Schritt für Schritt nachvollziehen,
wie sich der Text entwickelt hat. Üblich sind auch Bemerkungen
zu den einzelnen Änderungen. So kann ich mir ein Bild
machen. Es kann niemand etwas heimlich verändern. Wenn
die Community eine Änderung aktzeptiert, kann das meine
Entscheidung beeinflussen. Wenn ich Zweifel habe, kann ich
diese sogar an Ort und Stelle notieren und so entwickelt sich
womöglich eine Diskussion, die meine Zweifel zerstreut.
Sie sind ein vielfach beschäftigter Mann. Wie managen
Sie Familie, Beruf, Wiki, wissenschaftliche und redaktionelle
Tätigkeit?
Auch mein Tag hat natürlich nur 24 Stunden. Ideal ist
immer, wenn man die Dinge miteinander verbinden kann - zum
Beispiel bei der Arbeit Wissenschaft betreibt und danach noch
einen Artikel darüber schreiben kann. ;-) Sehr gut ist,
dass mein Arbeitgeber mich darin unterstützt, dass ich
vorübergehend Teilzeit arbeiten kann. Somit habe ich
mehr Zeit für meine Forschung. Inzwischen setzen wir
auch bei der Arbeit Wiki im Intranet ein, so dass auch die
Firma unmittelbar profitiert.
Lesen Sie auch Weblogs?
Es gibt mittlerweile 24 deutschsprachige juristische Weblogs.
Diese sehe ich mir natürlich regelmäßig an,
was ja dank NewsFeed recht einfach geworden ist. "Handakte",
eins der ältesten und das bekannteste deutsche Blawg,
habe ich immer auf dem Palm dabei. Und dann schreibe ich auch
selbst an "LAWgical" mit, einem Gemeinschaftsweblog,
das als Initiative des Juristischen Internetprojekts Saarbrücken
(JIPS) entstanden ist.
Sehen Sie Parallelen zwischen den Formaten?
Bei Weblog und Wiki geht es um das einfache Publizieren im
Internet. Beide benutzen RSS-Newsfeeds. Außerdem kann
ich mit einem Wiki prinzipiell auch ein Weblog schreiben und
es gibt WikiBlogs. Der Hauptunterschied dürfte darin
liegen, dass beim Weblog alles hübsch getrennt ist und
jeder seinen Text schreibt. Das Wiki ist gerade darauf angelegt,
dass ein gemeinsamer Text entsteht und dieser im Grunde auch
nie fertig ist.
Wenn Sie in die Zukunft blicken könnten, wie würde
Sie die weitere Entwicklung einschätzen?
Ich gehe davon aus, dass ein Wiki sich für bestimmte
Anwendungen besser als anderen "Formate" eignet.
Ein Wiki-Lexikon z.B. ist eine unschlagbare Idee, die sich
durchsetzen wird. Klassische Lexika werden dennoch nicht völlig
verschwinden, aber mit einem starken Konnkurrenten leben müssen.
So wird das in anderen Bereichen auch sein. Nehmen wir den
Jura-Sektor. Es gibt zahlreiche Jura-Foren, Mailinglisten,
Weblogs usw. und die wird es auch weiterhin geben. Für
diejenigen aber, denen es vor allem um einfache und effektive
Zusammenarbeit geht, bietet das JuraWiki eine Plattform, die
- so hoffe ich - sich weiter etablieren wird. Darüber
hinaus wird sich die Wiki-Idee hoffentlich auch auf andere
Bereiche im Internet ausweiten, ohne dass alles gleich Wiki
wird. Auch das "richtige Leben" funktioniert doch
eigentlich ganz gut, ohne dass alle Türen und Fenster
verrammelt und passwortgeschützt werden. Von daher glaube
ich schon, dass von Wiki ein ganz guter Impuls ausgeht. Richtig
spannend ist natürlich, was als nächstes kommt.
Wenn man allerdings sieht, dass die Wiki im Grunde auf Ansätze
zurückgeht, die bereits in den 1960'ern entwickelt wurden,
sollte man nicht zu ungeduldig sein.
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