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WIKIS 26.07.2004
"Der Text, der nie fertig ist"
Von Email an die AutorenAnnette Paulus und Email an die AutorenCarolin Schmidt | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Als Gründer von JuraWiki ist Ralf Zosel einer der aktivsten Protagonisten der deutschen Wiki-Szene. Wir sprachen mit ihm über seine Erfahrungen.

(Screenshot/Montage: FH-Darmstadt)

Sie haben Jurawiki gegründet, wie kam es dazu?

Vor einiger Zeit erhielt ich per Mailingliste einen Link auf LinuxWiki. Sofort war ich davon begeistert, wie einfach es ist, mit Wikis direkt im Netz Texte zu schreiben. Als ich mir die verschiedensten Wikis angesehen habe, ist mir aufgefallen, dass es keine speziellen Seiten für Juristen gibt. Deshalb bin ich mit JuraWiki online gegangen.

Ein Format, bei dem jeder mitschreiben darf - kann das gutgehen?

Viele glauben nicht, dass man mit Wikis vernünftig arbeiten kann. Das ist wohl das größte Problem. Wiki ist ein Werkzeug im Internet, das mehr als alle anderen auf Zusammenarbeit setzt und diese auch fördert. Das "Rauschen" ist wesentlich geringer als z.B. in Newsforen, wo so genannte "Trolle" die Diskussion der übrigen Teilnehmer massiv stören können. Interessant ist, dass selbst jetzt, wo sich Wikipedia zum Massenphänomen entwickelt, diese Zusammenarbeit insgesamt noch sehr gut funktionert. Ich bin also ganz optimistisch, dass Wiki nicht das gleiche Schicksal wie anderen prinzipiell guten Werkzeugen wie E-Mail oder Newsgroups beschieden ist, deren Benutzung inzwischen doch ziemlich erschwert wird.

Was motiviert User, sich aktiv mit Beiträgen zu beteiligen?

Die Frage nach der Motivation ist in der Tat das Thema, das mich bislang am meisten beschäftigt hat. Ein Wiki ist schnell in die Welt gesetzt, technisch ist das kein allzu großes Problem. Dann schreiben Sie ein paar Seiten und erklären, worum es in diesem Wiki gehen soll. Und dann stellen sie fest, dass erst einmal gar nichts passiert. Viele Wikis kommen über dieses Stadium gar nicht hinaus. Die Kunst besteht darin, das Wiki bekannt zu machen und Leute zum Mitmachen zu bewegen. Wiki ist ein geniales Arbeitsmittel, das Zusammenarbeit auf einzigartige Weise fördert. Ein Beispiel: Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, mache ich meine Notizen nicht in einem Notizblock, sondern im Wiki. Das entspricht nicht der gewohnten Arbeitsweise. Sonst sitzt man erst im stillen Kämmerlein und traut sich erst an die Öffentlichkeit, wenn das Ergebnis fertig ist. So aber habe ich die Chance, dass mir andere von Anfang an wertvolle Tipps geben. Gleichzeitig profitiert die Allgemeinheit von meinen Bemühungen. Selbst wenn ich irgendwann die Lust verliere und mich nicht mehr weiter um die Seite kümmere, können andere an das bereits geleistete anknüpfen und die Seite später weiterschreiben.

Sie laden auch Laien ein, sich zu beteiligen. Haben Sie keine Angst um die Qualität?

Im Wiki wird offensichtlich, was im Grunde für alle Publikationsformen gilt. Man sollte sich ständig Gedanken darüber machen, ob das, was man gerade liest, überhaupt stimmt. Bei klassischen Medien vertraut man auf die Redaktion, die Verleger oder einfach die Marke. Im Internet ist es oft schwierig, die Qualität der Information zuverlässig zu beurteilen. Das Wiki aber macht die Entstehungsgeschichte des Textes vollständig transparent. Wenn sich in einem Wiki mit einer lebendigen Community ein Text längere Zeit hält, spricht einiges dafür, dass da etwas dran sein könnte. Fehlinformationen werden in der Regel schnell entfernt, was auf "klassischen" Websites natürlich nicht so einfach geht. Wenn also ein Laie einen Gedanken notiert, der auch von Fachleuten nicht gelöschen wird, dann spricht einiges dafür, dass der Gedanke so dumm nicht ist.

Wie kann man sich von der Qualität einzelner Beiträge überzeugen?

Ralf Zosel (Foto: Privat)

Wenn man das Wiki kennt, in dem der Beitrag steht, man gute Erfahrungen damit gemacht hat und das ganze plausibel klingt, wird man vielleicht geneigt sein, nicht an dem Wahrheitsgehalt zu zweifeln. Aber Vorsicht ist natürlich immer angebracht. Anders als bei sonstigen Publikationen kann jeder genau nachvollziehen, wer wann was geschrieben hat und wie der Text entstanden ist. Dazu stellen Wikis vielfältige Hilfsmittel zur Verfügung. Zunächst einmal sehe ich oft schon auf der Seite selbst, wann der Text zuletzt von wem geändert wurde. Die Versionskontrolle macht die gesamte Entstehungsgeschichte transparent. Mit der Differenz-Anzeige kann ich Schritt für Schritt nachvollziehen, wie sich der Text entwickelt hat. Üblich sind auch Bemerkungen zu den einzelnen Änderungen. So kann ich mir ein Bild machen. Es kann niemand etwas heimlich verändern. Wenn die Community eine Änderung aktzeptiert, kann das meine Entscheidung beeinflussen. Wenn ich Zweifel habe, kann ich diese sogar an Ort und Stelle notieren und so entwickelt sich womöglich eine Diskussion, die meine Zweifel zerstreut.

Sie sind ein vielfach beschäftigter Mann. Wie managen Sie Familie, Beruf, Wiki, wissenschaftliche und redaktionelle Tätigkeit?

Auch mein Tag hat natürlich nur 24 Stunden. Ideal ist immer, wenn man die Dinge miteinander verbinden kann - zum Beispiel bei der Arbeit Wissenschaft betreibt und danach noch einen Artikel darüber schreiben kann. ;-) Sehr gut ist, dass mein Arbeitgeber mich darin unterstützt, dass ich vorübergehend Teilzeit arbeiten kann. Somit habe ich mehr Zeit für meine Forschung. Inzwischen setzen wir auch bei der Arbeit Wiki im Intranet ein, so dass auch die Firma unmittelbar profitiert.

Lesen Sie auch Weblogs?

Es gibt mittlerweile 24 deutschsprachige juristische Weblogs. Diese sehe ich mir natürlich regelmäßig an, was ja dank NewsFeed recht einfach geworden ist. "Handakte", eins der ältesten und das bekannteste deutsche Blawg, habe ich immer auf dem Palm dabei. Und dann schreibe ich auch selbst an "LAWgical" mit, einem Gemeinschaftsweblog, das als Initiative des Juristischen Internetprojekts Saarbrücken (JIPS) entstanden ist.

Sehen Sie Parallelen zwischen den Formaten?

Bei Weblog und Wiki geht es um das einfache Publizieren im Internet. Beide benutzen RSS-Newsfeeds. Außerdem kann ich mit einem Wiki prinzipiell auch ein Weblog schreiben und es gibt WikiBlogs. Der Hauptunterschied dürfte darin liegen, dass beim Weblog alles hübsch getrennt ist und jeder seinen Text schreibt. Das Wiki ist gerade darauf angelegt, dass ein gemeinsamer Text entsteht und dieser im Grunde auch nie fertig ist.

Wenn Sie in die Zukunft blicken könnten, wie würde Sie die weitere Entwicklung einschätzen?

Ich gehe davon aus, dass ein Wiki sich für bestimmte Anwendungen besser als anderen "Formate" eignet. Ein Wiki-Lexikon z.B. ist eine unschlagbare Idee, die sich durchsetzen wird. Klassische Lexika werden dennoch nicht völlig verschwinden, aber mit einem starken Konnkurrenten leben müssen. So wird das in anderen Bereichen auch sein. Nehmen wir den Jura-Sektor. Es gibt zahlreiche Jura-Foren, Mailinglisten, Weblogs usw. und die wird es auch weiterhin geben. Für diejenigen aber, denen es vor allem um einfache und effektive Zusammenarbeit geht, bietet das JuraWiki eine Plattform, die - so hoffe ich - sich weiter etablieren wird. Darüber hinaus wird sich die Wiki-Idee hoffentlich auch auf andere Bereiche im Internet ausweiten, ohne dass alles gleich Wiki wird. Auch das "richtige Leben" funktioniert doch eigentlich ganz gut, ohne dass alle Türen und Fenster verrammelt und passwortgeschützt werden. Von daher glaube ich schon, dass von Wiki ein ganz guter Impuls ausgeht. Richtig spannend ist natürlich, was als nächstes kommt. Wenn man allerdings sieht, dass die Wiki im Grunde auf Ansätze zurückgeht, die bereits in den 1960'ern entwickelt wurden, sollte man nicht zu ungeduldig sein.

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