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JOURNALISTISCHE WEBLOGS 26.07.2004
"Große Nähe zum Leser"
Von Email an den AutorCorinna Warth | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Was viele Autoren zur Veröffentlichung privater Themen nutzen, versucht Jochen Bittner in seinem Weblog "Beruf Terrorist" bei Die Zeit journalistisch umzusetzen. Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen mit dem neuen Format.

Wie sind Sie persönlich dazu gekommen, ein Weblog zu schreiben?

Die Zeit-Online-Redaktion bat mich, ein Weblog zum Thema "Terrorismus" zu betreuen. Ich musste mir erst einmal erklären lassen, um was es sich dabei handelt. Sobald ich das wusste, fand ich die Idee aber attraktiv.

Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Erfrischend. Das grundsätzlich Schöne beim Weblog ist, dass man für eine - entschuldigen Sie das Neudeutsch - Community schreibt, also für eine recht übersichtliche Gemeinschaft von Interessierten. Mich erinnert das Webloggen daher bisweilen an den guten, alten Lokaljournalismus: große Nähe zum Leser, Reaktionsfreudigkeit beim Publikum, Kennenlerneffekte, schnelle Dialoge - all das, was bei einer großen überregionalen Zeitung in der Regel zu kurz kommt.

Lesen Sie andere journalistische Weblogs? Wenn ja, welche?

Nein. Können Sie eins empfehlen?

Aus welchen Gründen hat die Zeit das Format eingeführt?

Das ist eine gute Frage, aber, wie gesagt, meine Idee war das nicht. Unsere Online-Abteilung hat, glaube ich, die Idee aus Amerika aufgeschnappt. Das lief also so ähnlich wie mit Kaugummi und Marlboros. Genau weiß ich das aber nicht.

Weblogs haben es im deutschen Journalismus immer noch schwer. Warum gibt es so viele Berührungsängste?

Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht in erster Linie Berührungsängste sind, denn die Art der Arbeit unterscheidet sich ja nicht fundamental vom Printjournalismus; hier wie dort präsentiert man seine Arbeit auf dem Tableau. Vielleicht ist es eher Zeitmangel. Ein Weblog kostet einfach rund eine Stunde Arbeitszeit pro Tag. Die muss man sich erst einmal nehmen können. Für einen Tageszeitungskollegen ist das sicherlich noch ein bisschen schwieriger als für einen Wochenzeitungsredakteur. Ein Beispiel: Ich stolpere in meinem Themengebiet täglich über Meldungen oder Websites, die ich interessant finde und archivieren oder zumindest geistig speichern muss. Ein Tageszeitungskollege mit denselben Präferenzen müsste daraus in der Regel eine Beitrag für die Printausgabe machen. Was bleibt dann noch für das Weblog? Für mich ist er auch eine Möglichkeit, Gedanken zu sortieren, und - wenn Sie so wollen - meine eigene Chronologie des Wichtigen aufzureißen.

Unter welchen Bedingungen verdienen Weblogs den 'Qualitätstitel' Journalismus?

Im besten Falle dann, wenn sie das Tagesgeschehen widerspiegeln, kompetent einordnen oder kritisch begleiten. Ein Weblog, der mehr oder weniger zufällig Fundstücke oder putzige Meldungen aneinanderreiht, würde mich persönlich nicht interessieren.

Gibt es journalistische Inhalte, für die sich Weblogs als Format besonders anbieten?

Jochen Bittner (Foto: Privat)

Ich denke, das gilt vor allem für Themenkomplexe, die so vielschichtig sind, dass die Zeitungsseiten nie ausreichen, um ihnen gebührend Platz zu widmen. Terrorismus ist hier sicher ein gutes Beispiel. Ich habe den Eindruck, viele Leute möchten doch mehr wissen als das, was sie sporadisch in den Zeitungen lesen. Da scheint es gut zu sein, täglich auf dem Laufenden gehalten zu werden (oder jedenfalls das Gefühl zu haben, es sein zu können). Ich selbst nutze meinen Weblog aber auch, um das traurige Thema Terrorismus ab und zu ironisierend zu betrachten. Das klappt sicher nicht immer, aber es freut mich, wenn die Leser das Gefühl haben, amüsant informiert zu werden.

Welchen Nutzen könnte es für Journalisten haben, ein Weblog zu betreiben?

Schreiben ordnet die Gedanken. Für mich ist das Weblog ein handwerkliches Tagebuch. Es hilft mir, im Meer der Meldungen nicht den Überblick zu verlieren. Ein Logbuch in der anschwellenden Informationsflut, wenn Sie so wollen. Ich hefte gewissermaßen täglich das Wichtigste ab, und was man einmal beschrieben hat, haftet besser im Gedächtnis. Aber natürlich geht es zuvörderst um die Außenwirkung. Ich habe die Hoffnung, den Leser mit dem Weblog signalisieren zu können: "Aha, der Mann bleibt an dem Thema dran, der informiert sich regelmäßig." Ich versuche im Grunde, abwechselnd Kompetenz und Humor zu demonstrieren; durch die Auswahl der Themen und die Art der Darstellung. Alles in der Hoffnung, dass es die Leute verleitet, öfter einmal die Printausgabe zu kaufen (denn da stehen die langen Artikel ...). Ich nenne meine Leser deshalb manchmal in Anspielung aufs Angeln auch "Liebe Blogfische"...

Haben journalistische Weblogs eine Zukunft?

Ja, aber selbstverständlich! Sobald ich hiermit fertig bin, werde ich wieder einen Eintrag schreiben.

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