onlinejournalismus.de - Das Magazin zum Thema
Newsletter
eintragen
austragen
  Archiv | Infos
Suchen
"UND"
"ODER"
Blogs!
Rezension
Surftipp
Seite besuchen
BEZAHLINHALTE 25.02.2003
Die Gebühr kommt durch die Hintertür (2)
Von Email an Michael Soukup sendenMichael Soukup | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

« zurück zu Teil 1

Weil die meisten deutschsprachigen Online-Zeitungen erst ab Mitte der neunziger Jahre ans Netz gingen, ist es wenig überraschend, dass nur ganz wenige Titel über ein weiter zurückreichendes Archiv verfügen. In der Schweiz bieten die "Neue Zürcher Zeitung" (ab 1993) und der Internet-Pionier "Schaffhauser Nachrichten" (ab 1994) die ältesten Archivbestände im Internet an. Ansonsten sind die Datenbestände bei der Hälfte aller deutschsprachigen Zeitung bloss ein oder zwei Jahre alt. Insbesondere in Deutschland ist aufgefallen, dass Online-Leser vergleichsweise häufig mit Wochen- oder Monatsarchiven abgespeist werden.

Gebührenpflichtige Archive eher die Ausnahme als Regel

Gemäss einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der US-Softwarefirma Clickshare boten bereits Anfang 2001 64 Prozent der amerikanischen Internet-Zeitungen gebührenpflichtige Online-Archive an. In Deutschland waren es ein Jahr später dagegen bloss 21 Prozent und in der Schweiz 18 Prozent. Im vergangenen April verlangte in der Schweiz der "Tages-Anzeiger", die "NZZ" und die "Südostschweiz" eine Gebühr für die Nutzung ihrer Internet-Archive. Mitte Juni ist die Berner Qualitätszeitung "Der Bund" dazugestossen, die "Basler Zeitung" will nach eigenen Angaben ein kostenpflichtiges Archiv lancieren. Bei den österreichischen Zeitungen fand sich kein einziger Titel mit einem gebührenpflichtigen Archiv. Demzufolge wird klar ersichtlich, dass die US-Zeitungsbranche bezüglich der Finanzierung von Internet-Produkten den Europäern Monate, wenn nicht Jahre voraus ist.

Die "NZZ", welche mit der deutschen Wirtschaftsdatenbank "GBI" zusammenarbeitet, verlangt im Schnitt zwei Euro pro Artikel; ein Rabatt in Höhe von 50 Prozent für Print-Abonnenten ist für dieses Jahr angekündigt worden. Beim "Tages-Anzeiger" sind die ersten 25 Artikel für Abonnenten kostenlos, ansonsten kostet ein Artikel abhängig von der Anzahl zwischen 1,6 und 0,8 Euro (ab 5000 Stück 0,75 Euro). Bei der "Südostschweiz" wird das Benutzen des Archivs pauschal im Rahmen eines Online-Abonnements vergebührt. Für "Bund"-Abonnenten kostet der freie Zugriff auf das Archiv und andere Dienstleistungen 20 Euro pro Jahr, für Nichtabonnenten 40 Euro.

Bezüglich der Gebührenhöhen lässt sich feststellen, dass die meisten Zeitungsartikel (71 Prozent) im deutschsprachigen Europa zwischen zwei und drei Euro kosten. Die US-Preise variieren deutlich darunter (95 Prozent im erwähnten Preisbereich), was wohl auf den reiferen amerikanischen Markt zurückzuführen ist. Damit müsste auch im deutschsprachigen Raum das Preisspektrum in Zukunft abnehmen.

Knacknuss Verrechnung

In seiner Mitte August veröffentlichten Kolumne "Stop the Presses" gibt es von Steve Outing noch einen Gratistipp: "Make it simple for the user to pay." Dies ist leichter gesagt, als getan. Theoretisch steht dem Kunden eine ganze Palette von Zahlungsvarianten zur Verfügung: Lastschrift, Vorausüberweisung, Rechnung, Kreditkarte mit oder ohne verschlüsselte Internetverbindung, Bezahlung mittels Mobiltelefon wie Paybox in Deutschland, auf Vorauszahlung beruhende Systeme (beispielsweise E-Cash) und Inkassostellen zur Sammelabrechnung wie Firstgate oder Qpass. Die drei letztgenannten Methoden eignen sich am besten für die Abwicklung von Kleinstbeträgen, wie sie insbesondere bei Online-Archiven anfallen.

Traditionelle Zahlungsmethoden wie Rechnung, Lastschrift, aber auch die Kreditkarte können Kleinbeträge hingegen nicht wirtschaftlich verrechnen. Im letzteren Fall übersteigen die Kosten für eine Online-Authorisierung die Erträge; und ohne Online-Authorisierung erhöhen sich die Betrugsfälle. Um dieses Problem zu lösen, werden die Gebühren entweder pauschal pro Monat erhoben oder mittels Captering die Einzelbeträge monatlich zusammengefasst. Oft stecken auch Quersubventionen dahinter. Dies zeigt sich vor allem bei der Zusammenarbeit mit Kreditkartenfirmen. Kleine oder noch nicht etablierte Online-Anbieter erhalten entweder keinen Vertrag, oder bestehende Verträge werden früher oder später mangels Rendite gekündigt. Für einen Grossverlag ist es andererseits viel leichter Kleinstbeträge via Kreditkarte zu verrechnen. Denn die unrentablen Transfers können in einer Mischrechnung kompensiert werden.

Der Mindestbetrag für den Kauf mit einer Kreditkarte hängt indessen nicht nur von der Firma, dem Verkaufskanal und –volumen ab. In Europa stösst das Kreditkartensystem beim Bezahlen von Waren, die weniger als zehn Euro kosten, an seine Grenzen. Jenseits des Atlantiks sind die Kommissions- und Transaktionsgebühren wegen der wesentlich höheren Akzeptanz der Kreditkarte und der Grösse des amerikanischen Marktes deutlich tiefer. So kann man in den Vereinigten Staaten bei allen Online-Archiven mit der Kreditkarte bezahlen, im deutschsprachigen Raum ist es immerhin noch bei 76 Prozent möglich. Bemerkenswert ist der hohe Anteil der Rechnung und des Lastschriftverfahrens in Deutschland mit 86 Prozent.

Pay-per-Click umstritten

Für die Abrechnung von Cent-Beiträgen oder von Bruchteilen von Rappen gibt es eine wirtschaftlichere Alternative: Micropayment. Anbieter solcher Systeme sind Inkassostellen (auch Konsolidatoren genannt), die Transaktionskosten einsparen, indem sie die Zahlungen des Kunden bei verschiedenen Anbietern zusammenfassen und diese mit einer einzigen Verrechnung – zum Beispiel via Kreditkarte – belasten. Die insbesondere in Deutschland verbreitete Firstgate hat nach eigenen Angaben über eine halbe Millionen registrierte Benutzer.

Dennoch harzt die Einführung von Micropayment: In den USA verwendeten fünf und im deutschsprachigen Raum zwei Prozent aller Zeitungstitel solch ein System zur Verrechnung von Kleinstbeträgen. Im Unterschied zur "NZZ" und dem "Tages-Anzeiger" hat der "Bund" bewusst auf die Abrechnung einzelner Artikel verzichtet. Denn das Jahresabonnement sei "einfacher und kundenfreundlicher."

Offenbar erfreuen sich diese Pay-per-Klick-Modelle keiner großen Beliebtheit. Das Basler Forschungsinstitut Prognos warnt "vor einem übereilten Umstieg auf ein Pay-Modell, das viele Benutzer verärgert und im schlimmsten Fall das Image der Offline-Marke beschädigen kann." Ebenso bevorzugten in einer Emnid-Umfrage die meisten Benutzer Monatspauschalen gegenüber von Einzelabrechnungen.

Pauschalgebühren kein Tabu mehr

Zumindest in einer Hinsicht war die deutschsprachige Online-Welt letzten Frühling noch "in Ordnung". Von den 212 Titeln mit einem redaktionellen Angebot haben bloss zwei Zeitungen grundsätzlich Gebühren für ihre Zeitungsinhalte verlangt: Die "Frankfurter Allge-meine Zeitung" für ausgewählte, tagesaktuelle Artikel und die "Südostschweiz" für ihre gesamte Print-Ausgabe. Im Juni gesellten sich aber dann der "Tages-Anzeiger" und die "Basler Zeitung" mit ihren nun kostenpflichtigen Print-Tagesausgaben dazu.

Michael Soukup ist cand. Dr. rer. pol an den Instituten für Medienwissenschaft und Wirtschaftsinformatik der Universität Bern. Er war ständiger Mitarbeiter der Online-Ausgabe "NZZ Folio", Wirtschaftsredakteur beim Berner "Bund" und der "NZZ" (Ressort "Medien und Informatik"). Zur Zeit ist er als Politischer Redakteur bei der "Neuen Luzerner Zeitung" (NZZ-Gruppe) tätig.

Im November hiess es auf der Homepage der "Neuen Luzerner Zeitung" – einer weiteren großen Schweizer Regionalzeitung: Pay or go. Und in Deutschland nimmt die "F.A.Z." in Sachen Gebührenpflicht einmal mehr eine Vorreiterrolle ein. Wie die "Netzeitung" unlängst berichtete, soll die gesamte Online-Ausgabe der gedruckten "F.A.Z." bald nur noch für Abonnenten erreichbar sein. Für Nicht-Print-Abonnenten sei die Einführung von "Pay per view", also die Herausgabe einzelner Artikel gegen Gebühr an jeden Zahlungswilligen, geplant. Das Tabu der Gebührenpflicht scheint endgültig gebrochen zu sein.

Dennoch sei vor Euphorie gewarnt: Nachdem die Besucherzahlen eingebrochen sind, hat das angeschlagene Schweizer Online-Börsenblatt "Moneycab" nur zwei Wochen nach der Einführung der Zahlungspflicht sämtliche Berichte wieder frei zugänglich gemacht.

« zurück zu Teil 1

Texts for Teaching
Mindy McAdams nimmt im Online Journalism Review neun
englischsprachige Lehrbücher für den Online-Journalismus unter die Lupe. Sie ist
Professorin an der University of Florida.
lesen
Dossiers
Zehn Jahre Online- Journalismus: Wir blicken auf die nüchterne Realität, unerfüllt gebliebene Visionen und mögliche Zukunftsmodelle.
zum Dossier
Umfangreiches Dossier rund um Weblogs und Journalismus.
zum Dossier
Forschung
Ihre Studien und wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema veröffentlichen?
schreiben Sie uns
Aus den Ressorts
Webwatch: Relaunch bei MSNBC.com - Aus alten Fehlern lernen
Praxis: Ressourcen für Journalisten - Alle Links zum Rest der Welt
Aus- und Fortbildung: Bestandsaufnahme - Ausbildung für den Online- Journalismus im Jahr 2003
Forschung: Delphi- Studie bringt prozentgenaue Prognose zum Online- Publishing
Buchtipps: Videojournalismus - Die digitale Revolution?
 
 

nach oben