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BEZAHLINHALTE 25.02.2003
Die Gebühr kommt durch die Hintertür (1)
Von Email an Michael Soukup sendenMichael Soukup | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Der Online-Leser soll sukzessive zum Zahlen animiert werden. Ein erster Schritt bildet die Einführung eines kostenpflichtigen Archivs. Wie sieht es diesbezüglich im deutschsprachigen Raum aus? Ein Augenschein bei 212 Tageszeitungen.

Mitte der neunziger Jahre gab es im deutschsprachigen Raum Europas rund zwanzig Online-Zeitungen – keine davon kostete eine müde Mark, geschweige einen Franken oder Schilling. Das wurde lange so gehalten, auch als sich zur Jahrtausendwende praktisch alle Tageszeitungen im Netz tummelten. Aber nicht nur in unseren Breitengraden, sondern weltweit waren die Zeitungsmacher der Ansicht, dass die Gebührenpflicht keine Alternative zur werbefinanzierten Gratiskultur bildete – oder zumindest solange als ein überwältigendes Informationsangebot von anderen frei zugänglichen Websites lockte. Die kostenpflichtige elektronische Edition des "Wall Street Journal" hingegen blieb die große, viel zitierte Ausnahme.

Umdenken in der wirtschaftlichen Not

Erst der Einbruch des Online- und schliesslich des Print-Anzeigenmarktes scheinen in Europa einen vorsichtigen Kurswechsel bewirkt zu haben. Auf der anderen Seite des Atlantiks sind die Zeichen der Zeit viel deutlicher zu vernehmen. Steve Outing, der für das amerikanische Branchenblatt "Editor & Publisher" schon seit Jahren das Geschehen im Internet beobachtet, stellt eine immer stärkere Bewegung zur Gebühr hin: "Clearly, the strongest trend is free to fee."

Ins gleiche Horn bläst auch die im August vom US-Verband Online Publishers Association (OPA) veröffentlichte Studie "Online Paid Content". So habe sich in den USA innert Jahresfrist die Zahl der für Online-Inhalte bezahlende Internet-Benutzer mehr als verdoppelt – und zwar von 5,3 auf 12,4 Millionen Menschen. Diese gaben insgesamt 675 Millionen Dollar – Tendenz stark steigend – für gebührenpflichtige Inhalte aus. Trotzdem: In Relation zu den gesamten, letztjährigen Online-Werbeausgaben von 7,2 Milliarden Dollar ist das freilich immer noch ein bescheidener Betrag. Außerdem darf man nicht vergessen, dass gleichzeitig neun von zehn US-Internauten noch kein Geld für Online-Inhalte ausgeben.

Untersucht wurden deutschsprachige Tageszeitungen mit einer verkauften Auflage von mindestens 10.000 Stück; auf die Erfassung der zahlreichen Regionalausgaben in Deutschland und in der Schweiz wurde verzichtet. Die Ergebnisse wurden erstmals auszugsweise an der Frühjahrstagung 2002 der deutschen Medienarchivare und Mediendokumentare und im "Media-Trend-Journal" veröffentlicht. Die Vergleichswerte von 1995 stammen aus der vom gleichnamigen Autor verfassten Lizentiatsarbeit "Internet – Chancen und Risiken für Tageszeitungen" (Universität Bern, 1996).

Um den Kulturschock in der Online-Leserschaft etwas abzufedern, gilt es möglichst behutsam vorzugehen. Aktive Informationssucher sind eher bereit, für Zusatzleistungen zu zahlen. So bestätigen verschiedene Studien, dass im Unterschied zu tagesaktuellen Nachrichten eine vielfach höhere Bereitschaft für den Kauf von archivierten Zeitungsartikeln besteht. Deshalb ist die Einführung eines kostenpflichtigen Archivs oft ein erster und naheliegender Schritt – die Gebühr soll quasi durch die Hintertür kommen. Der Online-Archivmarkt in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird vom deutschen Internet-Pressearchiv "Archiv der Presse" immerhin auf 20 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.

Wie stark sind nun diese bisher hauptsächlich in den USA zu beobachtende Trends im deutschsprachigen Raum ausgeprägt? Wie steht es um die Online-Archive? Um diese Fragen zu beantworten, untersuchte das Institut für Medienwissenschaft der Universität Bern im vergangenen Frühling 182 deutsche, 11 österreicherische und 22 Schweizer Tageszeitungen (siehe Kasten).

Volltextsuche ist ein Muss

Mit einer Volltextsuche ("Search Engine") ausgestattete Archive sind nicht nur wesentlich bedienerfreundlicher, sondern infolgedessen auch interessanter zu vermarkten. In der Schweiz hatten 85 Prozent aller Zeitungen ein Archiv mit Volltextsuche, in Österreich waren es 80 Prozent, in Deutschland dagegen nur jeder zweite Titel. Der tiefe Wert Deutschlands hat vermutlich nicht zuletzt damit zu tun, dass die chronologisch organisierten Archive (ohne Search-Engine) der meist kleinen und mittleren Zeitungen stark ins Gewicht fallen.

Angesichts der Tatsache, dass die Zeitungsdichten in Deutschland und in der Schweiz ähnlich hoch sind, ist der Schweizer Rekordwert bemerkenswert. Nur die "Zürichsee-Zeitungen" und der "Bote der Urschweiz" kommen noch ohne ein Internet-Archiv aus. In Österreich, wo einige grosse Zeitungen wie die "Krone Zeitung" mit über 800.000 verkauften Exemplaren den Markt dominieren, fand sich die "Tiroler Tageszeitung" (90.000 Auflage), die ebenfalls über kein Archiv-Angebot verfügt.

Datenbestand seit 19..

Eine erfolgreiche Kommerzialisierung setzt auch einen gewissen Umfang des Datenbestandes voraus. Die amerikanischen Internet-Archive reichen teilweise bis Ende der achtziger Jahre zurück; in Europa sind es einige Jahre weniger. Dieser Unterschied ist unter anderem ein Resultat der später erfolgten Umstellung auf die digitale Zeitungsproduktion. Noch ältere Archivbestände sind auf Mikrofilm gespeichert. Für die Online-Volltextsuche müssten diese in einem aufwendigen Verfahren digital erfasst und nachbearbeitet werden. Ein Grossteil der europäischen Verlagshäuser hat aus Kostengründen bisher auf diesen Schritt verzichtet.

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