|
Der Online-Leser soll sukzessive zum Zahlen animiert
werden. Ein erster Schritt bildet die Einführung eines
kostenpflichtigen Archivs. Wie sieht es diesbezüglich
im deutschsprachigen Raum aus? Ein Augenschein bei 212 Tageszeitungen.
Mitte der neunziger Jahre gab es im deutschsprachigen Raum
Europas rund zwanzig Online-Zeitungen – keine davon
kostete eine müde Mark, geschweige einen Franken oder
Schilling. Das wurde lange so gehalten, auch als sich zur
Jahrtausendwende praktisch alle Tageszeitungen im Netz tummelten.
Aber nicht nur in unseren Breitengraden, sondern weltweit
waren die Zeitungsmacher der Ansicht, dass die Gebührenpflicht
keine Alternative zur werbefinanzierten Gratiskultur bildete
– oder zumindest solange als ein überwältigendes
Informationsangebot von anderen frei zugänglichen Websites
lockte. Die kostenpflichtige elektronische Edition des "Wall
Street Journal" hingegen blieb die große, viel
zitierte Ausnahme.
Umdenken in der wirtschaftlichen Not
Erst der Einbruch des Online- und schliesslich des Print-Anzeigenmarktes
scheinen in Europa einen vorsichtigen Kurswechsel bewirkt
zu haben. Auf der anderen Seite des Atlantiks sind die Zeichen
der Zeit viel deutlicher zu vernehmen. Steve Outing, der für
das amerikanische Branchenblatt "Editor & Publisher"
schon seit Jahren das Geschehen im Internet beobachtet, stellt
eine immer stärkere Bewegung zur Gebühr hin: "Clearly,
the strongest trend is free to fee."
Ins gleiche Horn bläst auch die im August vom US-Verband
Online Publishers Association (OPA) veröffentlichte Studie
"Online Paid Content". So habe sich in den USA innert
Jahresfrist die Zahl der für Online-Inhalte bezahlende
Internet-Benutzer mehr als verdoppelt – und zwar von
5,3 auf 12,4 Millionen Menschen. Diese gaben insgesamt 675
Millionen Dollar – Tendenz stark steigend – für
gebührenpflichtige Inhalte aus. Trotzdem: In Relation
zu den gesamten, letztjährigen Online-Werbeausgaben von
7,2 Milliarden Dollar ist das freilich immer noch ein bescheidener
Betrag. Außerdem darf man nicht vergessen, dass gleichzeitig
neun von zehn US-Internauten noch kein Geld für Online-Inhalte
ausgeben.
 |
 |
 |
 |
| Untersucht wurden
deutschsprachige Tageszeitungen mit einer verkauften
Auflage von mindestens 10.000 Stück; auf die
Erfassung der zahlreichen Regionalausgaben in Deutschland
und in der Schweiz wurde verzichtet. Die Ergebnisse
wurden erstmals auszugsweise an der Frühjahrstagung
2002 der deutschen Medienarchivare und Mediendokumentare
und im "Media-Trend-Journal" veröffentlicht.
Die Vergleichswerte von 1995 stammen aus der vom
gleichnamigen Autor verfassten Lizentiatsarbeit
"Internet – Chancen und Risiken für
Tageszeitungen" (Universität Bern, 1996). |
|
 |
 |
 |
 |
Um den Kulturschock in der Online-Leserschaft etwas abzufedern,
gilt es möglichst behutsam vorzugehen. Aktive Informationssucher
sind eher bereit, für Zusatzleistungen zu zahlen. So
bestätigen verschiedene Studien, dass im Unterschied
zu tagesaktuellen Nachrichten eine vielfach höhere Bereitschaft
für den Kauf von archivierten Zeitungsartikeln besteht.
Deshalb ist die Einführung eines kostenpflichtigen Archivs
oft ein erster und naheliegender Schritt – die Gebühr
soll quasi durch die Hintertür kommen. Der Online-Archivmarkt
in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird vom deutschen
Internet-Pressearchiv "Archiv der Presse" immerhin
auf 20 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.
Wie stark sind nun diese bisher hauptsächlich in den
USA zu beobachtende Trends im deutschsprachigen Raum ausgeprägt?
Wie steht es um die Online-Archive? Um diese Fragen zu beantworten,
untersuchte das Institut für Medienwissenschaft der Universität
Bern im vergangenen Frühling 182 deutsche, 11 österreicherische
und 22 Schweizer Tageszeitungen (siehe Kasten).
Volltextsuche ist ein Muss
Mit einer Volltextsuche ("Search Engine") ausgestattete
Archive sind nicht nur wesentlich bedienerfreundlicher, sondern
infolgedessen auch interessanter zu vermarkten. In der Schweiz
hatten 85 Prozent aller Zeitungen ein Archiv mit Volltextsuche,
in Österreich waren es 80 Prozent, in Deutschland dagegen
nur jeder zweite Titel. Der tiefe Wert Deutschlands hat vermutlich
nicht zuletzt damit zu tun, dass die chronologisch organisierten
Archive (ohne Search-Engine) der meist kleinen und mittleren
Zeitungen stark ins Gewicht fallen.
Angesichts der Tatsache, dass die Zeitungsdichten in Deutschland
und in der Schweiz ähnlich hoch sind, ist der Schweizer
Rekordwert bemerkenswert. Nur die "Zürichsee-Zeitungen"
und der "Bote der Urschweiz" kommen noch ohne ein
Internet-Archiv aus. In Österreich, wo einige grosse
Zeitungen wie die "Krone Zeitung" mit über
800.000 verkauften Exemplaren den Markt dominieren, fand sich
die "Tiroler Tageszeitung" (90.000 Auflage), die
ebenfalls über kein Archiv-Angebot verfügt.
Datenbestand seit 19..
Eine erfolgreiche Kommerzialisierung setzt auch einen gewissen
Umfang des Datenbestandes voraus. Die amerikanischen Internet-Archive
reichen teilweise bis Ende der achtziger Jahre zurück;
in Europa sind es einige Jahre weniger. Dieser Unterschied
ist unter anderem ein Resultat der später erfolgten Umstellung
auf die digitale Zeitungsproduktion. Noch ältere Archivbestände
sind auf Mikrofilm gespeichert. Für die Online-Volltextsuche
müssten diese in einem aufwendigen Verfahren digital
erfasst und nachbearbeitet werden. Ein Grossteil der europäischen
Verlagshäuser hat aus Kostengründen bisher auf diesen
Schritt verzichtet.
weiter
in Teil 2 »
|