| TAGUNG |
08.10.2004 |
| "Sekundenschnell
vor der Ewigkeit rechtfertigen" |
Von Benedikt
Tüshaus |
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"Quick but Dirty?", fragten der Hessische
Rundfunk, das Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik
und der Rundfunkbeauftragte der evangelischen Kirchen. Doch
hinter dem Untertitel "Auf dem Weg zum Nachrichtenmedium
Nr.1" fehlte das fragende Symbol. Rund 80 Journalisten
folgten der Einladung und lauschten gespannt, wie das wohl
die geladenen Redner sehen würden.
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| Gesprächsrunde
mit (v.l.n.r.) Stefan Moll (WDR), Mathias Müller
von Blumencron (Spiegel Online), Diemut Roether
(epd medien), Kai N. Pritzsche (FAZ.net) und Joachim
Widmann (Netzeitung) (Foto: Tüshaus) |
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Es war gerade mal eine Stunde vergangen. Und es war gerade
mal der zweite Vortrag, der an seiner 30sten – und damit
letzten - Minute angelangt war. Da war die Diskussion am "1.
Frankfurter Tag des Online-Journalismus" bereits an ihrem
vorläufigen Höhepunkt angelangt. Im "Sitzungssaal
II" des Hessischen Rundfunks hatte zuvor die freie Journalistin
Christiane
Schulzki-Haddouti gesprochen. Nun sprachen Online-Journalisten
aus ganz Deutschland: Sie waren nicht einverstanden mit ihrer
Kritik am besonders kleinen Kleingedruckten - unter den Versicherungsvergleichen
von Spiegel Online. Oder den vorgeführten Buchrezensionen
des ZDF - "passend" zu den entsprechenden Beschreibungen
der Verlage. Und überhaupt, die Art ihres Vortrags: "das
hat doch gar nichts miteinander zu tun". Die Rednerin
reagierte: Sie würde "mal wirklich interessieren“,
wie viel mehr Geld all die Online-Werbung, eng verknüpft
mit dem redaktionellen Umfeld, im Gegensatz zur herkömmlichen
Bannerwerbung in die Kassen der Medienunternehmen spült.
Gut gekontert.
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| Kleingedrucktes bei
"Spiegel Online": Christiane Schulzki-Haddouti
kritisierte den auf der Folgeseite fehlenden Hinweis,
dass "aspect online" die Vergleiche durchführt.
(Screenshot: Tüshaus) |
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Doch es gab an diesem Tag ja noch weitere Vorträge,
die verdeutlichten, dass im online-journalistischen Umgang
mit den Möglichkeiten des Internets noch sehr viele Fragen
offen sind. Für alle Beteiligten. Seien es Content-Produzenten,
die dem User unterstellen, er erwarte eine kaum mehr vom ehrlichen
Journalismus unterscheidbare Werbe-Lawine. Seien es ihre Chefs,
die ihnen auch den letzten Zweifel daran nehmen. Seien es
die User, mündig oder unmündig – aber wer
weiß das schon?
Gigantische Netzpolizei
Die chinesische Userwelt, mittlerweile 80 Millionen Computermäuse
groß, habe jedenfalls nicht einmal mehr die Wahl. Das
Bild, dass der ehemalige ARD-China-Korrespondent Stefan Niemann
in seinem Vortrag von dem umfassenden Zensur- und Kontrollsystem
im Reich der Mitte malte, war alles andere als positiv. Jahrelange
Haftstrafen nach minutenkurzen Gerichtsverhandlungen, zig
Tausende Websites, die in China schlicht nicht erreichbar
sind sowie eine mehrere Zehntausend Menschen starke Webmiliz
im Dienste des Staates. Dennoch gibt es Hoffnung für
die chinesische Netzwelt: Wenn auch "langsamer als erhofft",
war sich Niemann sicher, "wird das Internet China verändern."
Apropos Netzwelt. Frank Patalong war auch da. Der Ressortleiter
von Spiegel
Online hatte die Aufgabe, über "Qualitätsstandards
in der Online-Redaktion" zu referieren. Zum Beispiel
in der eigenen: In "erheblich jugendlicherem Ton"
als dem Print-Spiegel berichte eine stetig wachsende Redaktion
mit "einer Vielfalt von Stilformen aus einer Vielfalt
von Quellen." Patalong prophezeite, dass die Leserzahlen
von Spiegel Online mit einem täglichen Mehrausstoß
von Meldungen nicht mehr zu steigern sei. Vielmehr ginge es
nun darum, die Qualität des Vorhandenen zu verbessern.
Jeder fünfte Artikel sei mittlerweile ein Autorentext,
so der "SpOnler". Jedes zweite "Einstiegsstück"
werde in den täglichen Themenschwerpunkten der Redaktion
selbst verfasst, ergänzte Chefredakteur Mathias Müller
von Blumencron kurze Zeit später im Rahmen einer Gesprächsrunde.
Ansonsten hänge auch Spiegel Online, so Patalong, "am
Tropf der Agenturen". Betrachte man einmal die Monotonie
der Meldungen in den Google News, so werde klar, dass hier
eine ganze Branche "kollektiv die Hose herunterlässt".
"Die Google-isierung forciert die Watchblogisierung"
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Die Präsentation zum
Vortrag von Jochen Wegner gibt es hier.
(Mit Rechtsklick und dann "Ziel speichern
unter..." downloaden) |
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Mit Google und der zunehmenden Google-isierung - „Wie
recherchieren wir eigentlich?“ - beschäftigte sich
Focus-Redakteur Jochen
Wegner auf amüsante Weise: "Schlimmer als zu
googeln ist: Nicht zu googeln." Die populäre Suchmaschine
sei dabei die Mindestfallhöhe einer Recherche. Für
eine ganze Reihe von Journalisten leider aber auch oft Maximalstandard,
wie Wegner mit einer Fülle von "ergoogelten"
Beispielen dokumentierte. "Google als Primärquelle
wird zunehmend salonfähig", kritisierte der Gründer
des Jonets.
Und: "Die Recherche jenseits von Google gilt zunehmend
als anspruchsvoll."
Ein völlig neues Phänomen stelle in diesem Zusammenhang
die so genannte "Watchblogisierung" dar. Was Wegner
mit diesem fiebrigen Ausdruck meint? Mit den Möglichkeiten
von Google fungiert eine immer größere Gemeinde
von Weblog-Autoren in der Medienlandschaft mittlerweile als
Content-Polizei. Prominentes Beispiel sei der Bildblog.
Auf die zunehmende Bedeutung der Weblogs für den Onlinejournalismus
hatte eingangs der Veranstaltung schon Prof.
Lorenz Lorenz-Meyer vom Studiengang
Online-Journalismus an der Fachhochschule Darmstadt in
einem Überblick der deutschsprachigen Nachrichten im
Web hingewiesen. Sie würden ein perfektes "Stimmungsbarometer"
und zahlreiche Themenanregungen liefern, gelesen und kommentiert
von einer "intelligenten Leserwelt".
Vom Diktat der Realtime-Quoten
Ist eine Meldung erst einmal gut recherchiert, begibt sie
sich in den Kampf um den Sonnenplatz auf der Startseite. Doch
auch für eigene Geschichten gilt: "Wer floppt, der
fliegt." Für Tilman Aretz, Geschäftsführer
der Nachrichtenmanufaktur (produziert den n-tv.de-Webauftritt),
ist die ständige Quoten-Beobachtung "aus dem Redaktionsalltag
längst nicht mehr wegzudenken." In Echtzeit würden
immer mehr Online-Redaktionen Logfiles als Hilfe dabei ansehen,
nicht "am Leser vorbei zu schreiben." Außerdem
könne man besser "eigene Themen so präsentieren,
dass sie eine breite Leserschaft erreichen." Ein guter
Teaser sei originell, wecke Neugier und sorge für Überraschung.
Aretz warnte aber auch davor, etwa "falsche Erwartungen
beim Leser zu wecken."
Ein informativer Tag mit einer spannenden und hochaktuellen
Themenauswahl neigte sich dem Ende entgegen. Einzig den innovativen
Blick in die Zukunft – Lorenz Lorenz-Meyer hatte eingangs
die "wenigen Weiterentwicklungen" kritisiert –
blieben die praktizierenden Online-Journalisten schuldig.
Lediglich von einem "E-Paper hier und da, einigen Sprachfassungen
und der Integration von Weblogs" wusste der Hochschulprofessor
zu berichten.
Podiumsdiskussion
"Ja, bei der Netzeitung gilt das Vier-Augen-Prinzip",
"Ja, die Zielgruppe von FAZ.net ist die beste Zielgruppe,
die man sich wünschen kann" - auch die Gesprächsrunde
einiger Online-Nachrichten-Chefs zum Abschluss des Tages brachte
zunächst wenig Neues aus der Welt der Online-Medien hervor.
Als dann wenigstens einmal die Zuhörer miteinander zu
diskutieren begannen, glich das Podium kurzzeitig der Zuschauertribüne
bei einem Tennismatch. Gegen Ende aber kamen auch Joachim
Widmann (Netzeitung), Stefan Moll (WDR), Mathias Müller
von Blumencron (Spiegel Online) und Kai N. Pritzsche (FAZ.net)
miteinander ins Gespräch – und diskutierten leidenschaftlich
die sanfte Entschleunigung des Online-Journalismus. "Nachrichten
gibt es mittlerweile an jeder Ecke im Web", seufzte erst
Müller von Blumencron. "Der Leser will vor allem
schnell wissen, was bestimmte Ereignisse für ihn bedeuten."
"So schnell wie sinnvoll berichten", mit schnellen
Schlüssen bei Ereignissen sei man bei Spiegel Online
"extrem vorsichtig geworden". "Man muss sich
sekundenschnell vor der Ewigkeit rechtfertigen können",
ergänzte Stefan Moll seinen Vorredner. Und Kai N. Pritzsche
fasste zusammen: "Der Charakter der ersten Eilmeldung
muss sein, offen zu sein – und das darf sie auch."
Online – das Leitmedium der Zukunft? Bei dieser abschließenden
Frage mochten sich die Anwesenden gerne festlegen. "Es
läuft ganz automatisch darauf hinaus - wenn wir seriös
bleiben", mahnte Moll. Und Kai N. Pritzsche machte dem
Muttermedium Mut: "Die Tageszeitungen haben weiterhin
ihre Berechtigung." "Die Frage stellt sich nicht.
Es wird sich viel tun", fasste sich Joachim Widmann kurz.
"Auf dem Weg zum Nachrichtenmedium Nr. 1" - nach
dem hoffentlich nicht letzten Frankfurter Tag des Online-Journalismus
war klar: Hinter dem Untertitel der Veranstaltung fehlte das
Ausrufezeichen! |