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Was genau macht eigentlich ein Internet-Surfer, wenn er
auf der Suche nach Nachrichten im Web ist? Eine Studie
der Stanford University und des Poynter Institute untersuchte
das Verhalten von 30 Frauen und 37 Männern - und kommt
zu einem überraschenden Ergebebnis: Online-Leser sind
viel textfixierter als Zeitungs- oder Zeitschriftenleser.
Grafiken spielen nur eine untergeordnete Rolle.
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| Komplett verkabelt:
Ein Kamerasystem verfolgte genau die Augenbewegungen
der Probanden. So konnte genau festegestellt werden,
welche Flächen des Bildschirms zuerst und wie
lange angeschaut wurden. (Foto: Poynter Institute) |
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Während des 40-stündigen Laborversuchs wurden die
Augenbewegungen der Testpersonen von einem Computer und einem
Kamerasystem verfolgt. Jede einzelne Bewegung der Pupillen,
jedes Verharren der Augen an einem bestimmten Punkt ließ
klare Rückschlüsse auf die Präferenzen der
Online-Leser zu.
Die Probanden waren allesamt erfahrene Internet-Nutzer, die
aus ihrer eigenen Sammlung an Bookmarks beliebige Web-Angebote
besuchen durften. Weitere Charakteristika der Testpersonen:
Die meisten von ihnen hatten keine Tageszeitung abonniert
und schauten kaum Nachrichtensendungen im Fernsehen. Hin und
wieder ließen sie sich jedoch von den Nachrichten im
Radio berieseln.
Diese Profile lassen zunächst vermuten, es würde
sich um relativ desinteressierte Personen handeln. Das ist
jedoch ein Trugschluss. Laut Poynter Institute nutzen die
meisten der Testkandidaten das Internet seit etwa ein oder
zwei Jahren gezielt als Informationsmedium. Personalisierte
News-Seiten finden bei ihnen allerdings wenig Anklang, aus
Angst "sie könnten etwas Wichtiges verpassen."
Überschrift vor Grafik
Sobald die Leser eine News-Seite aufriefen, schauten sie
zunächst nach Überschriften und kurzen Anreißern.
Erst dann schenkten sie auch Fotos und anderen Grafiken ihre
Aufmerksamkeit. Das kann allerdings daran liegen, dass Text
schneller geladen und dargestellt wird als wesentlich umfangreichere
Grafikdaten.
Werbebanner finden Beachtung
Entgegen der weitläufigen Meinung, Werbebanner würden
kaum wahrgenommen oder sogar ignoriert, schauten sich die
Testpersonen immerhin 45 Prozent der Werbetafeln für
durchschnittlich eine Sekunde an - was freilich nicht heißt,
dass sie die Banner auch anklickten. Doch Internet-Werbestrategen
wird dies optimistisch stimmen. Der Reiz der Gestaltung von
Werbebannern könnte in Zukunft darin liegen, die Werbebotschaft
so zu verschlüsseln, dass sie beim Rezipienten binnen
kürzester Zeit den Reiz zum Klick auslöst. Langwierige
Animationen, die mehr als eine Sekunde laufen, dürften
relativ erfolglos sein.
Interessengebiete nach Alter und Geschlecht
Die Kohorte der 30-jährigen scheint an Nachrichten mit
Lokalbezug stärker interessiert zu sein als die Gruppe
der 20- oder 60-jährigen. Die 20-jährigen wiederum
interessieren sich mehr für Artikel aus dem Wissenschafts-
und Sportbereich als alle anderen Altersgruppen. Meinungen
und Kommentare finden bei allen Altersgruppen Anklang.
Mit Schreckensmeldungen lassen sich - ähnlich wie in
Zeitung und Rundfunk - auch Online- Leser ködern: 80
Prozent der Probanden interessierten sich für Kriminalität
und Katastrophen. Interessant: Frauen klickten sich häufiger
in diese Kategorien, lasen dann aber nur ein paar Meldungen.
Männer landeten seltener in diesen Bereichen, aber wenn,
dann klickten sie sich durch eine höhere Anzahl an Meldungen.
An Sportmeldungen sind Mann und Frau überraschenderweise
gleichermaßen interessiert. Rund 70 Prozent aller Probanden
klickten sich in die jeweiligen Rubriken auf den News-Sites.
Doch Frauen überflogen die Texte allenfalls, während
immerhin elf Prozent der Männer aufmerksam lasen.
Artikel mit lokalem Bezug waren für 48 Prozent der Testpersonen
interessant. Frauen interessierten sich stärker für
diesen Bereich und lasen die Texte relativ aufmerksam. Die
männlichen Probanden wiederum interessierten sich stärker
für Nachrichten mit nationalem Bezug. Sie klickten sich
nicht nur häufiger in die entsprechenden Rubriken, sondern
lasen dort auch jeweils mehr einzelne Artikel als die weiblichen
Testpersonen.
Von wo aus starten Online-Leser ihre Reise durch den Datenkosmos?
40 Prozent der Probanden visierten zunächst die Website
ihres lokalen Zeitungs- bzw. Fernsehanbieters an. Doch dann
verliert sich ihre Spur schnell, nicht zuletzt wegen der Komplexität
des Mediums. Mehrere Browser-Fenster werden parallel geöffnet
und unterschiedlichste Inhalte in kürzester Zeit konsumiert.
Viele Testpersonen sprangen auch zwischen den einzelnen Browser-Instanzen
hin und her. Von einer Linearität der Rezeption kann
also kaum noch die Rede sein. Durchschnittlich verbrachten
die Leser 34 Minuten mit einer Nachrichten-Tour im Web und
riefen dabei sechs verschiedene News-Sites auf. In extremen
Fällen waren es pro Sitzung auch schonmal bis zu 19.
Wie repräsentativ ist die Studie?
Die Ergebnisse der Studie sind kaum zu verallgemeinern. Lediglich
67 Personen aus zwei verschiedenen Städten wurden beobachtet.
Eine viel zu geringe Stichprobe, um valide Aussagen zu treffen.
Hinzu kommt, dass alle Probanden erfahrene Internet-Nutzer
waren, die während der 40-stündigen Beobachtungszeit
Webseiten aus ihren eigenen Bookmarks besuchten.
Was bedeuten die Ergebnisse für den gestaltenden Onlinejournalisten?
Die Essenz der Studie: "Die Aufmerksamkeit des Lesers
wird zuerst durch Text gewonnen, erst dann durch Grafiken."
Der Leser möchte sofort erkennen, was ihn bei der Aktivierung
eines Links erwartet. Die Kunst besteht also darin, eine möglichst
aussagekräftige Überschrift für den jeweils
zu beschreibenden Artikel zu finden. Übt die Überschrift
einen entsprechenden Reiz auf den Leser aus, so wird er den
kurzen Teaser zur Nachricht lesen. Dort erwartet er allerdings
keine Wiederholung der Überschrift mit anderen Worten,
sondern wesentliche Fakten des Artikels. Erst wenn diese interessant
genug wirken, klickt er sich eine Ebene tiefer, nämlich
in den eigentlichen Artikel.
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