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STUDIE 02.06.2000
Wie Online-Leser wahrnehmen
Von Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Was genau macht eigentlich ein Internet-Surfer, wenn er auf der Suche nach Nachrichten im Web ist? Eine externer LinkStudie der Stanford University und des Poynter Institute untersuchte das Verhalten von 30 Frauen und 37 Männern - und kommt zu einem überraschenden Ergebebnis: Online-Leser sind viel textfixierter als Zeitungs- oder Zeitschriftenleser. Grafiken spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Komplett verkabelt: Ein Kamerasystem verfolgte genau die Augenbewegungen der Probanden. So konnte genau festegestellt werden, welche Flächen des Bildschirms zuerst und wie lange angeschaut wurden. (Foto: Poynter Institute)

Während des 40-stündigen Laborversuchs wurden die Augenbewegungen der Testpersonen von einem Computer und einem Kamerasystem verfolgt. Jede einzelne Bewegung der Pupillen, jedes Verharren der Augen an einem bestimmten Punkt ließ klare Rückschlüsse auf die Präferenzen der Online-Leser zu.

Die Probanden waren allesamt erfahrene Internet-Nutzer, die aus ihrer eigenen Sammlung an Bookmarks beliebige Web-Angebote besuchen durften. Weitere Charakteristika der Testpersonen: Die meisten von ihnen hatten keine Tageszeitung abonniert und schauten kaum Nachrichtensendungen im Fernsehen. Hin und wieder ließen sie sich jedoch von den Nachrichten im Radio berieseln.

Diese Profile lassen zunächst vermuten, es würde sich um relativ desinteressierte Personen handeln. Das ist jedoch ein Trugschluss. Laut Poynter Institute nutzen die meisten der Testkandidaten das Internet seit etwa ein oder zwei Jahren gezielt als Informationsmedium. Personalisierte News-Seiten finden bei ihnen allerdings wenig Anklang, aus Angst "sie könnten etwas Wichtiges verpassen."

Überschrift vor Grafik

Sobald die Leser eine News-Seite aufriefen, schauten sie zunächst nach Überschriften und kurzen Anreißern. Erst dann schenkten sie auch Fotos und anderen Grafiken ihre Aufmerksamkeit. Das kann allerdings daran liegen, dass Text schneller geladen und dargestellt wird als wesentlich umfangreichere Grafikdaten.

Werbebanner finden Beachtung

Entgegen der weitläufigen Meinung, Werbebanner würden kaum wahrgenommen oder sogar ignoriert, schauten sich die Testpersonen immerhin 45 Prozent der Werbetafeln für durchschnittlich eine Sekunde an - was freilich nicht heißt, dass sie die Banner auch anklickten. Doch Internet-Werbestrategen wird dies optimistisch stimmen. Der Reiz der Gestaltung von Werbebannern könnte in Zukunft darin liegen, die Werbebotschaft so zu verschlüsseln, dass sie beim Rezipienten binnen kürzester Zeit den Reiz zum Klick auslöst. Langwierige Animationen, die mehr als eine Sekunde laufen, dürften relativ erfolglos sein.

Interessengebiete nach Alter und Geschlecht

Die Kohorte der 30-jährigen scheint an Nachrichten mit Lokalbezug stärker interessiert zu sein als die Gruppe der 20- oder 60-jährigen. Die 20-jährigen wiederum interessieren sich mehr für Artikel aus dem Wissenschafts- und Sportbereich als alle anderen Altersgruppen. Meinungen und Kommentare finden bei allen Altersgruppen Anklang.

Mit Schreckensmeldungen lassen sich - ähnlich wie in Zeitung und Rundfunk - auch Online- Leser ködern: 80 Prozent der Probanden interessierten sich für Kriminalität und Katastrophen. Interessant: Frauen klickten sich häufiger in diese Kategorien, lasen dann aber nur ein paar Meldungen. Männer landeten seltener in diesen Bereichen, aber wenn, dann klickten sie sich durch eine höhere Anzahl an Meldungen.

An Sportmeldungen sind Mann und Frau überraschenderweise gleichermaßen interessiert. Rund 70 Prozent aller Probanden klickten sich in die jeweiligen Rubriken auf den News-Sites. Doch Frauen überflogen die Texte allenfalls, während immerhin elf Prozent der Männer aufmerksam lasen.

Artikel mit lokalem Bezug waren für 48 Prozent der Testpersonen interessant. Frauen interessierten sich stärker für diesen Bereich und lasen die Texte relativ aufmerksam. Die männlichen Probanden wiederum interessierten sich stärker für Nachrichten mit nationalem Bezug. Sie klickten sich nicht nur häufiger in die entsprechenden Rubriken, sondern lasen dort auch jeweils mehr einzelne Artikel als die weiblichen Testpersonen.

Von wo aus starten Online-Leser ihre Reise durch den Datenkosmos?

40 Prozent der Probanden visierten zunächst die Website ihres lokalen Zeitungs- bzw. Fernsehanbieters an. Doch dann verliert sich ihre Spur schnell, nicht zuletzt wegen der Komplexität des Mediums. Mehrere Browser-Fenster werden parallel geöffnet und unterschiedlichste Inhalte in kürzester Zeit konsumiert. Viele Testpersonen sprangen auch zwischen den einzelnen Browser-Instanzen hin und her. Von einer Linearität der Rezeption kann also kaum noch die Rede sein. Durchschnittlich verbrachten die Leser 34 Minuten mit einer Nachrichten-Tour im Web und riefen dabei sechs verschiedene News-Sites auf. In extremen Fällen waren es pro Sitzung auch schonmal bis zu 19.

Wie repräsentativ ist die Studie?

Die Ergebnisse der Studie sind kaum zu verallgemeinern. Lediglich 67 Personen aus zwei verschiedenen Städten wurden beobachtet. Eine viel zu geringe Stichprobe, um valide Aussagen zu treffen. Hinzu kommt, dass alle Probanden erfahrene Internet-Nutzer waren, die während der 40-stündigen Beobachtungszeit Webseiten aus ihren eigenen Bookmarks besuchten.

Was bedeuten die Ergebnisse für den gestaltenden Onlinejournalisten?

Die Essenz der Studie: "Die Aufmerksamkeit des Lesers wird zuerst durch Text gewonnen, erst dann durch Grafiken." Der Leser möchte sofort erkennen, was ihn bei der Aktivierung eines Links erwartet. Die Kunst besteht also darin, eine möglichst aussagekräftige Überschrift für den jeweils zu beschreibenden Artikel zu finden. Übt die Überschrift einen entsprechenden Reiz auf den Leser aus, so wird er den kurzen Teaser zur Nachricht lesen. Dort erwartet er allerdings keine Wiederholung der Überschrift mit anderen Worten, sondern wesentliche Fakten des Artikels. Erst wenn diese interessant genug wirken, klickt er sich eine Ebene tiefer, nämlich in den eigentlichen Artikel.

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