|
Im US-amerikanischen Fernsehgeschäft sind Video-Journalisten
schon seit ein paar Jahren eine feste Größe.
Hier zu Lande werden die Alleskönner,
die in Personalunion als Reporter, Kameramann und Cutter
arbeiten, noch sehr kritisch beäugt. Mit
vielen weit verbreiteten Vorurteilen rechnet jetzt ein
Buch ab, dessen Autoren dank der kostengünstigen und
handlichen DV-Technik nichts Geringeres als "die digitale
Revolution"
propagieren.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| "Das Fernsehen,
so wie wir es kennen, ist in spätestens fünf
Jahren tot", behaupten Michael Rosenblum und
Andre Zalbertus in ihrem Buch. (Foto: Mischel) |
|
 |
 |
 |
 |
Das Fernsehen ist ein geldgieriges Medium: Die Produktion
eines Beitrags von drei Minuten Länge kann samt Recherche,
Dreh
und anschließendem
Schnitt schnell zwischen 2000 und 3000 Euro verschlingen,
Spesen exklusive. Denn normalerweise sind mindestens vier
Personen beteiligt: Redakteur, Kameramann samt
Assistent - und natürlich ein Cutter. Soviel gut ausgebildetes
Personal
will bezahlt werden.
Dass all diese Aufgaben von einer einzigen Person erledigt
werden können und deshalb konsequenterweise eine Menge
Geld gespart werden kann, davon sind Michael Rosenblum und
Andre
Zalbertus,
die
beiden Herausgeber
von "Videojournalismus - Die digitale Revolution", vollends
überzeugt.
Zalbertus, Inhaber der Kölner Fernseh-Produktionsfirma
AZ
Media TV,
beschreibt auf den ersten Seiten, wie er sich von "VJ-Guru"
Rosenblum dermaßen von der neuen DV-Technik überzeugen
ließ,
dass er sich entschied, eine eigene Volontärs-Ausbildung
zum Video-Journalisten ins Leben zu rufen. Heute, etwa zwei
Jahre später, sollen 14 Redakteure in der Lage sein,
nicht nur
sendefähige, sondern vor allem kreative und anspruchsvolle
Fernsehbeiträge aus einer Hand zu liefern. Regelmäßig
beliefern sie jetzt verschiedene Formate von
RTL.
Der mit einigen Fernsehpreisen ausgezeichnete New Yorker
Rosenblum ist nach eigenen Angaben
selbst seit
zwölf
Jahren
als Videojournalist
tätig.
Seine Erfahrungen gibt er heute als Trainer
weiter und tourt mit seiner
Vision
vom kostengünstigen Fernsehen quer durch
Europa. Die BBC und
den Hessischen
Rundfunk konnte er bereits überzeugen:
Videojournalisten seien dank
unauffälliger Technik viel näher am Geschehen,
könnten wesentlich
flexibler reagieren und lieferten
- entsprechende Ausbildung vorausgesetzt - sendefähiges
Material. Weil sie auch noch selber schneiden können,
koste ein Beitrag nur noch ein Bruchteil der oben genannten
Summe.
60 Seiten Gehirnwäsche
Und so versucht er mit der
Unterstützung von Worten wie "Gott", "Arschloch"
und "Zisch", Leser von
seiner Philosophie zu überzeugen. In seinem Beitrag "Vom
Zen des Videojournalismus" schreibt Rosenblum von einer
durch Technologie angetriebenen Revolution, die
nur
umgesetzt werden könne,
wenn
"Menschen wie Sie ... ja,wie Sie ... eine Kamera nehmen
und lernen, wie Film gemacht und geschnitten wird" (Seite
56). Die Ansage ist also klar: Fernsehen kann so billig sein,
dass jeder mitmachen kann, wenn er/sie nur will.
Nach
60 Seiten Rosenblum'scher Gehirnwäsche ("Vergessen
Sie alles, was Sie wissen") mag
der ein oder andere Redakteur mit Fernseherfahrung geneigt
sein, das Buch aus der Hand zu
legen, denn einige seiner Sätze könnten auch in
Büchern
wie "Zehn Kilo in zehn Tagen - Abnehmen leichtgemacht" stehen.
Doch die Lektüre jetzt abzubrechen wäre zu früh,
denn in der zweiten Hälfte des Buches folgen Praxisberichte,
die einen tieferen Einblick in den Alltag des VJs geben und
zuweilen einen
hohen Nutzwert haben.
Lesenwerte Erfahrungsberichte
Den Auftakt macht Christian Angeli, der auf einige Jahre
Fernseherfahrung zurückblicken kann und jetzt Redaktionsleiter
der VJ-Volontäre bei AZ-Media ist. Er stellt grundsätzlich
klar: Mit DV-Kameras lassen sich professionelle Bilder drehen,
die sich qualitativ nicht vom Material fernsehüblicher
Beta-Kameras unterscheiden müssen - sofern
einige Grundregeln beachtet werden. Zudem spricht er
in aller Kürze ein paar Aspekte der Tonaufnahme
an. Er gibt zu
bedenken, dass die Kontrollmöglichkeiten des VJs aufgrund
der Dreifachbelastung,
gleichzeitig die Kamera bedienen und das Interview führen
zu müssen, durchaus begrenzt seien.
Wie der Einsatz von Videojournalisten das Nachrichtengeschäft
verändern kann, schildert der Beitrag von Jörg
Zajonc, seit rund zehn Jahren Fernsehmacher. Anhand des Beispiels
eines 20 bis 40 Sekunden kurzen Nachrichtenfilms (NiF) über
einen Verkehrsunfall beschreibt er, welche Bildeinstellungen
des Ereignisses vom VJ idealerweise
zu drehen sind. Es folgt eine Kurzeinführung in die
Bewegtbildgestaltung und Texten fürs Fernsehen, die
gerade für Anfänger durchaus nützlich ist.
Die richtige Ausrüstung
Im sechsten Kapitel folgt schließlich ein Überblick über
die Ausrüstung, mit der ein VJ seinen Arbeitsalltag bestreitet.
Zunächst schildert einer der beiden Autoren, ein gelernter
Kameramann der "alten Schule", welcher Typ DV-Kamera sich
für welchen Einsatz eignet. Das Buch spart hier nicht mit
dokumentierenden S/W-Aufnahmen, die sehr oft das
Sony-Logo zeigen.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Kleine Digitalkameras
werden nach Überzeugung des Herausgebers
für
eine Revolution des Fernsehens sorgen. (Foto:
Mischel) |
|
 |
 |
 |
 |
|
Zudem erfahren Leser in diesem Kapitel einiges über
das Zusammenspiel von Blende und Belichtungszeit, die Tücken
des vollautomatischen Modus sowie Bildrauschen bei Dunkelheit.
Anschließend widmen sich die Autoren auf ein paar
Seiten den Grundregeln der Bildgestaltung im Hinblick auf
den anschließenden nonlinearen Schnitt.
Zur grundsätzlichen
Frage,
wie ein einzelner VJ bei der Aufnahme
eines O-Tons
am besten vorgehen sollte, heißt es leider nur: "Man
muss während
des Interviews die Kamera bedienen, den Bildausschnitt
im Blick haben, den Ton gegebenenfalls nachpegeln und auch
noch die richtigen Fragen stellen - das ist eine Menge
zu tun." Wer schon einmal in einer solchen Situation war,
weiß, dass es gehörig in die Hose gehen kann. Ein paar Praxis-Tipps
wären an dieser Stelle wünschenswert gewesen.
Auf den letzten 30 Seiten kommen
schließlich einige Absolventen des VJ-Volontariats zu Wort.
In kurzen Berichten
beschreiben
sie, mit welchen
Vorbehalten sie damals in die Ausbildung gegangen sind und
wie sie sich weiterentwickelt haben. Der Tenor ist in allen
Berichten erwartbar: Gut, dass ich es gemacht habe.
Fazit
"Videojournalismus - Die digitale Revolution" verschafft
einen groben Überblick über ein neues Berufsfeld.
Einige der Erfahrungsberichte liefern gute Tipps für
die Praxis. Als Nachschlagewerk kann es jedoch nicht
dienen.
Leser
sollten immer beachten, dass die Herausgeber mit ihrer
Lehre Geld verdienen wollen - unbefangen sind sie also nicht.
Bibliographische Angabe
Andre Zalbertus, Michael Rosenblum: Videojournalismus.
Die digitale Revolution. uni-edition, Berlin, 2003. 166
Seiten, EUR 19,90. |