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VIDEOJOURNALISMUS 09.11.2003
Die digitale Revolution?
Von Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Im US-amerikanischen Fernsehgeschäft sind Video-Journalisten schon seit ein paar Jahren eine feste Größe. Hier zu Lande werden die Alleskönner, die in Personalunion als Reporter, Kameramann und Cutter arbeiten, noch sehr kritisch beäugt. Mit vielen weit verbreiteten Vorurteilen rechnet jetzt ein Buch ab, dessen Autoren dank der kostengünstigen und handlichen DV-Technik nichts Geringeres als "die digitale Revolution" propagieren.

"Das Fernsehen, so wie wir es kennen, ist in spätestens fünf Jahren tot", behaupten Michael Rosenblum und Andre Zalbertus in ihrem Buch. (Foto: Mischel)

Das Fernsehen ist ein geldgieriges Medium: Die Produktion eines Beitrags von drei Minuten Länge kann samt Recherche, Dreh und anschließendem Schnitt schnell zwischen 2000 und 3000 Euro verschlingen, Spesen exklusive. Denn normalerweise sind mindestens vier Personen beteiligt: Redakteur, Kameramann samt Assistent - und natürlich ein Cutter. Soviel gut ausgebildetes Personal will bezahlt werden.

Dass all diese Aufgaben von einer einzigen Person erledigt werden können und deshalb konsequenterweise eine Menge Geld gespart werden kann, davon sind Michael Rosenblum und Andre Zalbertus, die beiden Herausgeber von "Videojournalismus - Die digitale Revolution", vollends überzeugt.

Zalbertus, Inhaber der Kölner Fernseh-Produktionsfirma [externer Link]AZ Media TV, beschreibt auf den ersten Seiten, wie er sich von "VJ-Guru" Rosenblum dermaßen von der neuen DV-Technik überzeugen ließ, dass er sich entschied, eine eigene Volontärs-Ausbildung zum Video-Journalisten ins Leben zu rufen. Heute, etwa zwei Jahre später, sollen 14 Redakteure in der Lage sein, nicht nur sendefähige, sondern vor allem kreative und anspruchsvolle Fernsehbeiträge aus einer Hand zu liefern. Regelmäßig beliefern sie jetzt verschiedene Formate von RTL.

Der mit einigen Fernsehpreisen ausgezeichnete New Yorker Rosenblum ist nach eigenen Angaben selbst seit zwölf Jahren als Videojournalist tätig. Seine Erfahrungen gibt er heute als Trainer weiter und tourt mit seiner Vision vom kostengünstigen Fernsehen quer durch Europa. Die [externer Link]BBC und den [externer Link]Hessischen Rundfunk konnte er bereits überzeugen: Videojournalisten seien dank unauffälliger Technik viel näher am Geschehen, könnten wesentlich flexibler reagieren und lieferten - entsprechende Ausbildung vorausgesetzt - sendefähiges Material. Weil sie auch noch selber schneiden können, koste ein Beitrag nur noch ein Bruchteil der oben genannten Summe.

60 Seiten Gehirnwäsche

Und so versucht er mit der Unterstützung von Worten wie "Gott", "Arschloch" und "Zisch", Leser von seiner Philosophie zu überzeugen. In seinem Beitrag "Vom Zen des Videojournalismus" schreibt Rosenblum von einer durch Technologie angetriebenen Revolution, die nur umgesetzt werden könne, wenn "Menschen wie Sie ... ja,wie Sie ... eine Kamera nehmen und lernen, wie Film gemacht und geschnitten wird" (Seite 56). Die Ansage ist also klar: Fernsehen kann so billig sein, dass jeder mitmachen kann, wenn er/sie nur will.

Nach 60 Seiten Rosenblum'scher Gehirnwäsche ("Vergessen Sie alles, was Sie wissen") mag der ein oder andere Redakteur mit Fernseherfahrung geneigt sein, das Buch aus der Hand zu legen, denn einige seiner Sätze könnten auch in Büchern wie "Zehn Kilo in zehn Tagen - Abnehmen leichtgemacht" stehen. Doch die Lektüre jetzt abzubrechen wäre zu früh, denn in der zweiten Hälfte des Buches folgen Praxisberichte, die einen tieferen Einblick in den Alltag des VJs geben und zuweilen einen hohen Nutzwert haben.

Lesenwerte Erfahrungsberichte

Den Auftakt macht Christian Angeli, der auf einige Jahre Fernseherfahrung zurückblicken kann und jetzt Redaktionsleiter der VJ-Volontäre bei AZ-Media ist. Er stellt grundsätzlich klar: Mit DV-Kameras lassen sich professionelle Bilder drehen, die sich qualitativ nicht vom Material fernsehüblicher Beta-Kameras unterscheiden müssen - sofern einige Grundregeln beachtet werden. Zudem spricht er in aller Kürze ein paar Aspekte der Tonaufnahme an. Er gibt zu bedenken, dass die Kontrollmöglichkeiten des VJs aufgrund der Dreifachbelastung, gleichzeitig die Kamera bedienen und das Interview führen zu müssen, durchaus begrenzt seien.

Wie der Einsatz von Videojournalisten das Nachrichtengeschäft verändern kann, schildert der Beitrag von Jörg Zajonc, seit rund zehn Jahren Fernsehmacher. Anhand des Beispiels eines 20 bis 40 Sekunden kurzen Nachrichtenfilms (NiF) über einen Verkehrsunfall beschreibt er, welche Bildeinstellungen des Ereignisses vom VJ idealerweise zu drehen sind. Es folgt eine Kurzeinführung in die Bewegtbildgestaltung und Texten fürs Fernsehen, die gerade für Anfänger durchaus nützlich ist.

Die richtige Ausrüstung

Im sechsten Kapitel folgt schließlich ein Überblick über die Ausrüstung, mit der ein VJ seinen Arbeitsalltag bestreitet. Zunächst schildert einer der beiden Autoren, ein gelernter Kameramann der "alten Schule", welcher Typ DV-Kamera sich für welchen Einsatz eignet. Das Buch spart hier nicht mit dokumentierenden S/W-Aufnahmen, die sehr oft das Sony-Logo zeigen.

Kleine Digitalkameras werden nach Überzeugung des Herausgebers für eine Revolution des Fernsehens sorgen. (Foto: Mischel)

Zudem erfahren Leser in diesem Kapitel einiges über das Zusammenspiel von Blende und Belichtungszeit, die Tücken des vollautomatischen Modus sowie Bildrauschen bei Dunkelheit. Anschließend widmen sich die Autoren auf ein paar Seiten den Grundregeln der Bildgestaltung im Hinblick auf den anschließenden nonlinearen Schnitt.

Zur grundsätzlichen Frage, wie ein einzelner VJ bei der Aufnahme eines O-Tons am besten vorgehen sollte, heißt es leider nur: "Man muss während des Interviews die Kamera bedienen, den Bildausschnitt im Blick haben, den Ton gegebenenfalls nachpegeln und auch noch die richtigen Fragen stellen - das ist eine Menge zu tun." Wer schon einmal in einer solchen Situation war, weiß, dass es gehörig in die Hose gehen kann. Ein paar Praxis-Tipps wären an dieser Stelle wünschenswert gewesen.

Auf den letzten 30 Seiten kommen schließlich einige Absolventen des VJ-Volontariats zu Wort. In kurzen Berichten beschreiben sie, mit welchen Vorbehalten sie damals in die Ausbildung gegangen sind und wie sie sich weiterentwickelt haben. Der Tenor ist in allen Berichten erwartbar: Gut, dass ich es gemacht habe.

Fazit

"Videojournalismus - Die digitale Revolution" verschafft einen groben Überblick über ein neues Berufsfeld. Einige der Erfahrungsberichte liefern gute Tipps für die Praxis. Als Nachschlagewerk kann es jedoch nicht dienen. Leser sollten immer beachten, dass die Herausgeber mit ihrer Lehre Geld verdienen wollen - unbefangen sind sie also nicht.

Bibliographische Angabe

Andre Zalbertus, Michael Rosenblum: Videojournalismus. Die digitale Revolution. uni-edition, Berlin, 2003. 166 Seiten, EUR 19,90.

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