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REZENSION 04.10.2004
Blogs – (k)ein Alptraum für (Online)-Journalisten

Von Email an Thomas Mrazek sendenThomas Mrazek | externer LinkHomepage

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Weblogs werden "den Journalismus im Netz aufmischen", behauptet einer der Herausgeber von "Blogs!". Handelt es sich dabei nur um eine verkaufsfördernde Provokation oder steckt mehr dahinter?

"Blogs!": Ein Alptraum für Chefredakteure? (Cover: Kai Pahl, Montage: ojour.de)

Der Untertitel des Anfang September erschienenen Werks "Blogs!" verheißt spannende Inhalte: "Fünfzehn Blogger über Text und Form im Internet – und warum sie das Netz übernehmen werden". Einer der Herausgeber, neben dem Multimedia-Designer und Programmierer [externer Link]Kai Pahl, ist [externer Link]Don Alphonso. Und der nimmt – unter anderem als einer der [externer Link]Hauptinformanten von Dotcomtod kein Blatt vor den Mund; vor allem, wenn es um Medien und ihre Macher geht.

Blogger sind keine besseren Menschen!

Und gleich im zweiten Kapitel zieht Don Alphonso vom Leder: "Ein Dutzend Gründe, warum Blogs den Journalismus im Internet aufmischen werden". Er konstatiert zunächst den schmerzhaften Verlust des Gatekeeper-Monopols für Journalisten: "Was im Bereich der Weblogs entsteht, wird von Journalisten im Moment kaum wahrgenommen, weil es ihr Monopol negiert. Weblogs sind ohnehin amateurhaft, schlecht, haben komische Themen, sind sowieso nur Egogesülze irgendwelcher Nerds und haben schlichtweg keine Relevanz. Denken sie. Das kann alles tatsächlich so sein. Trotzdem können Weblogs der Sargnagel für die professionellen Medien im Internet werden."

Dann geht er ins Detail und zählt in kurzen Abschnitten eben jene Gründe auf: Die Blogger könnten sich jenseits "gängiger Lehrmeinungen" Themen widmen, die für Medien einfach keine Relevanz haben. Sie könnten unabhängig von den Verlockungen der PR-Agenturen agieren; sie bräuchten sich nicht um die Belange der Werbekunden kümmern; sie können sich unbenommen aller möglichen Quellen bedienen, sie könnten sich frei untereinander vernetzen; sie seien mitunter schneller als die durch ihre Redaktionsstrukturen etwas schwerfälligen Medien.

Und schließlich schafften die Blogger ein "digitales Gedächtnis des Netzes": "Noch wichtiger sind Blogs, wenn Medien den Artikel später vom Netz nehmen. In solchen Fällen ist der Blogeintrag die einzige Informationsquelle, die im Internet bleibt." Und die Blogger haben noch andere Vorteile: Auf dem Bildschirm sei das Internet letztlich "der große Gleichmacher: (...) Ein milliardenschwerer Medienkonzern bekommt keinen besseren, größeren, bunteren Browser als ein kostenloses Blog eines Providers wie Blogger.de, dessen Betreiber einfach Spaß an der Sache hat".

Etwas weit gegriffen und leider zu wenig belegt ist das Unterkapitel "Sie (die Blogger, T.M.) haben die bessere Internet-Schreibe". Plausibler ist da schon das Argument, dass Blogger durch ihre subjektive durch keine Normen geregelte Sicht der Dinge eher punkten könnten: "Das im Journalismus weitgehend verpönte 'ich' ist vollkommen normal". Etwas kurzatmig zeigt sich der Autor, der selbst als Redaktionsleiter einer amerikanischen Zeitschrift in Berlin arbeitet, bei der Frage, wie denn die Medien nun auf diese Herausforderung durch die Blogs reagieren sollen: "[Es] ist kaum vorstellbar, dass sich Medienkonzerne zusätzliche Ausgaben leisten, um dem Publikum selbst Bloginhalte zur Verfügung zu stellen – ganz abgesehen davon, dass Medien dann ihre Auffassung vom Journalismus grundlegend verändern müssten." Hier findet sich zumindest ansatzweise in dem Text [externer Link]"Embracing the Enemy" auf dem Buch-Blog eine Fortsetzung.

Viel Holz aus dem Kunst-LK?

Was müssen die Blogger für tolle Typen sein, mag man sich nach dieser Aufzählung ernüchtert fragen. Doch der Autor betont mehrmals: "Blogger sind keine bessere Menschen". Aber wer sind denn nun diese Blogger? Davon kann man sich auf den folgenden rund 250 bunten Seiten in aller Ruhe überzeugen. So opulent werden mit Screenshots und einem kurzen Fragebogen 18 recht unterschiedliche Blogs vorgestellt. Das ist ne Menge Holz, mag da mancher einwenden.

Ein Ding der Unmöglichkeit, meinen andere: Blogs kann man nicht in ein Buch packen! Manch einer kanzelt diese Form wiederum als Oeuvre aus dem Leistungskurs Kunst ab. Geschmackssache, sag ich. Vom Handwerklichen ist es auf jeden Fall sehr gelungen. Und ganz wichtig: es hat mir Spaß gemacht, sich einfach mal – sozusagen zwangsgebremst – auf diese Weise mit den Inhalten von Blogs zu beschäftigen. Im Netz hätte ich das wohl nie getan; und sich hastig durch die genannten Blogs durchzuklicken – mal Hand aufs Herz –, wer tut sich das denn an?

Auch die im Buch dokumentierten Blogger drücken manchmal auf die Bremse; so heißt es etwa bei [externer Link]Siebenviertel: "(...) den derben revolutionsphantasien der sich selbst zu vorreitern erklärenden bloggern mag ich mich nicht hingeben. fragen sie doch mal den nächsten passanten nach den namen von ein paar blogs. amazon und ebay werden da kommen, wenn überhaupt, vielleicht noch ein paar pornoseiten. einer der beiden gründer k10k.net hat mal gesagt, niemand außerhalb des webs würde seine seite kennen, der ganze rummelbums würde 'draußen' nichts bedeuten."

Bunt und sexy, aber zu rasant

Auf den Geschmack gekommen? Sozusagen die Klammer für dieses Werk bilden die beiden Kapitel "Fünf Waffen für die Massenkommunikation" von Kai Pahl und Don Alphonsos "Was tun, wenn der Anwalt kommt?". Während Pahl auf rund 30 Seiten unterhaltsam die Grundlagen des Bloggens (sicherlich nicht jedermanns Sache!) erläutert, rät Don Alphonso auf einem Dutzend Seiten dazu, "beim Bloggen den Kopf einzuschalten" (in concreto geht es um Themen wie Urheber-, Namens-, Domain-, Marken- und Persönlichkeitsrechte und Impressumspflicht).

Bunt und sexy, manchmal leider etwas zu rasant (sic!) – mit "Blogs!" ist den Autoren und auch den beteiligten Bloggern eine überzeugende Diskussionsgrundlage zum Thema Blogs und Journalismus gelungen.

Stallgeruch aus der Blogbar

Extra erwähnt werden muss an dieser Stelle das Blog zum Buch – [externer Link]Blogbar. Neben obligatorischen Inhalten wie Links zu den abgebildeteten [externer Link]Blogs, [externer Link]Pressestimmen und der nützlichen Rubrik [externer Link]Software, in welcher die gängigen Anbieter vorgestellt werden, scheint diese Seite zu einer wichtigen Anlaufstelle für die deutschsprachige Blogosphäre zu werden. Vor allem die Rubrik [externer Link]Blogs vs. Journalismus bietet immer wieder interessanten Diskussionsstoff. So wurde unter anderem der Streit zwischen [externer Link]"Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung" und Netzeitung heiß debattiert und die Diskussion um Blogs als [externer Link]billige Contentmaschine hatte hier ihren Ausgangspunkt. Die Marketing-Abteilung des Schwarzkopf & Schwarzkopf dürfte wohl nicht unerfreut darüber gewesen sein ... Kurzum: Hier kann auch der unbedarfte Leser gleich richtig in den Genuss von Stallgeruch kommen.

Bibliographische Angabe

Don Alphonso, Kai Pahl (Hrsg.): Blogs! Fünfzehn Blogger über Text und Form im Internet – und warum sie das Netz übernehmen werden. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin, 2004. ISBN 3-89602-600-3. 350 Seiten, EUR 24,90.

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