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Weblogs werden "den Journalismus im Netz aufmischen",
behauptet einer der Herausgeber von "Blogs!". Handelt
es sich dabei nur um eine verkaufsfördernde Provokation
oder steckt mehr dahinter?
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| "Blogs!":
Ein Alptraum für Chefredakteure? (Cover: Kai
Pahl, Montage: ojour.de) |
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Der Untertitel des Anfang September erschienenen Werks "Blogs!"
verheißt spannende Inhalte: "Fünfzehn Blogger
über Text und Form im Internet – und warum sie
das Netz übernehmen werden". Einer der Herausgeber,
neben dem Multimedia-Designer und Programmierer Kai
Pahl, ist Don
Alphonso. Und der nimmt – unter anderem als einer
der Hauptinformanten
von Dotcomtod kein Blatt vor den Mund; vor allem, wenn
es um Medien und ihre Macher geht.
Blogger sind keine besseren Menschen!
Und gleich im zweiten Kapitel zieht Don Alphonso vom Leder:
"Ein Dutzend Gründe, warum Blogs den Journalismus
im Internet aufmischen werden". Er konstatiert zunächst
den schmerzhaften Verlust des Gatekeeper-Monopols für
Journalisten: "Was im Bereich der Weblogs entsteht, wird
von Journalisten im Moment kaum wahrgenommen, weil es ihr
Monopol negiert. Weblogs sind ohnehin amateurhaft, schlecht,
haben komische Themen, sind sowieso nur Egogesülze irgendwelcher
Nerds und haben schlichtweg keine Relevanz. Denken sie. Das
kann alles tatsächlich so sein. Trotzdem können
Weblogs der Sargnagel für die professionellen Medien
im Internet werden."
Dann geht er ins Detail und zählt in kurzen Abschnitten
eben jene Gründe auf: Die Blogger könnten sich jenseits
"gängiger Lehrmeinungen" Themen widmen, die
für Medien einfach keine Relevanz haben. Sie könnten
unabhängig von den Verlockungen der PR-Agenturen agieren;
sie bräuchten sich nicht um die Belange der Werbekunden
kümmern; sie können sich unbenommen aller möglichen
Quellen bedienen, sie könnten sich frei untereinander
vernetzen; sie seien mitunter schneller als die durch ihre
Redaktionsstrukturen etwas schwerfälligen Medien.
Und schließlich schafften die Blogger ein "digitales
Gedächtnis des Netzes": "Noch wichtiger sind
Blogs, wenn Medien den Artikel später vom Netz nehmen.
In solchen Fällen ist der Blogeintrag die einzige Informationsquelle,
die im Internet bleibt." Und die Blogger haben noch andere
Vorteile: Auf dem Bildschirm sei das Internet letztlich "der
große Gleichmacher: (...) Ein milliardenschwerer Medienkonzern
bekommt keinen besseren, größeren, bunteren Browser
als ein kostenloses Blog eines Providers wie Blogger.de, dessen
Betreiber einfach Spaß an der Sache hat".
Etwas weit gegriffen und leider zu wenig belegt ist das Unterkapitel
"Sie (die Blogger, T.M.) haben die bessere Internet-Schreibe".
Plausibler ist da schon das Argument, dass Blogger durch ihre
subjektive durch keine Normen geregelte Sicht der Dinge eher
punkten könnten: "Das im Journalismus weitgehend
verpönte 'ich' ist vollkommen normal". Etwas kurzatmig
zeigt sich der Autor, der selbst als Redaktionsleiter einer
amerikanischen Zeitschrift in Berlin arbeitet, bei der Frage,
wie denn die Medien nun auf diese Herausforderung durch die
Blogs reagieren sollen: "[Es] ist kaum vorstellbar, dass
sich Medienkonzerne zusätzliche Ausgaben leisten, um
dem Publikum selbst Bloginhalte zur Verfügung zu stellen
– ganz abgesehen davon, dass Medien dann ihre Auffassung
vom Journalismus grundlegend verändern müssten."
Hier findet sich zumindest ansatzweise in dem Text "Embracing
the Enemy" auf dem Buch-Blog eine Fortsetzung.
Viel Holz aus dem Kunst-LK?
Was müssen die Blogger für tolle Typen sein, mag
man sich nach dieser Aufzählung ernüchtert fragen.
Doch der Autor betont mehrmals: "Blogger sind keine bessere
Menschen". Aber wer sind denn nun diese Blogger? Davon
kann man sich auf den folgenden rund 250 bunten Seiten in
aller Ruhe überzeugen. So opulent werden mit Screenshots
und einem kurzen Fragebogen 18 recht unterschiedliche Blogs
vorgestellt. Das ist ne Menge Holz, mag da mancher einwenden.
Ein Ding der Unmöglichkeit, meinen andere: Blogs kann
man nicht in ein Buch packen! Manch einer kanzelt diese Form
wiederum als Oeuvre aus dem Leistungskurs Kunst ab. Geschmackssache,
sag ich. Vom Handwerklichen ist es auf jeden Fall sehr gelungen.
Und ganz wichtig: es hat mir Spaß gemacht, sich einfach
mal – sozusagen zwangsgebremst – auf diese Weise
mit den Inhalten von Blogs zu beschäftigen. Im Netz hätte
ich das wohl nie getan; und sich hastig durch die genannten
Blogs durchzuklicken – mal Hand aufs Herz –, wer
tut sich das denn an?
Auch die im Buch dokumentierten Blogger drücken manchmal
auf die Bremse; so heißt es etwa bei Siebenviertel:
"(...) den derben revolutionsphantasien der sich selbst
zu vorreitern erklärenden bloggern mag ich mich nicht
hingeben. fragen sie doch mal den nächsten passanten
nach den namen von ein paar blogs. amazon und ebay werden
da kommen, wenn überhaupt, vielleicht noch ein paar pornoseiten.
einer der beiden gründer k10k.net hat mal gesagt, niemand
außerhalb des webs würde seine seite kennen, der
ganze rummelbums würde 'draußen' nichts bedeuten."
Bunt und sexy, aber zu rasant
Auf den Geschmack gekommen? Sozusagen die Klammer für
dieses Werk bilden die beiden Kapitel "Fünf Waffen
für die Massenkommunikation" von Kai Pahl und Don
Alphonsos "Was tun, wenn der Anwalt kommt?". Während
Pahl auf rund 30 Seiten unterhaltsam die Grundlagen des Bloggens
(sicherlich nicht jedermanns Sache!) erläutert, rät
Don Alphonso auf einem Dutzend Seiten dazu, "beim Bloggen
den Kopf einzuschalten" (in concreto geht es um Themen
wie Urheber-, Namens-, Domain-, Marken- und Persönlichkeitsrechte
und Impressumspflicht).
Bunt und sexy, manchmal leider etwas zu rasant (sic!) –
mit "Blogs!" ist den Autoren und auch den beteiligten
Bloggern eine überzeugende Diskussionsgrundlage zum Thema
Blogs und Journalismus gelungen.
Stallgeruch aus der Blogbar
Extra erwähnt werden muss an dieser Stelle das Blog
zum Buch – Blogbar.
Neben obligatorischen Inhalten wie Links zu den abgebildeteten
Blogs,
Pressestimmen
und der nützlichen Rubrik Software,
in welcher die gängigen Anbieter vorgestellt werden,
scheint diese Seite zu einer wichtigen Anlaufstelle für
die deutschsprachige Blogosphäre zu werden. Vor allem
die Rubrik Blogs
vs. Journalismus bietet immer wieder interessanten Diskussionsstoff.
So wurde unter anderem der Streit zwischen "Frankfurter
Allgemeiner Sonntagszeitung" und Netzeitung heiß
debattiert und die Diskussion um Blogs als billige
Contentmaschine hatte hier ihren Ausgangspunkt. Die Marketing-Abteilung
des Schwarzkopf & Schwarzkopf dürfte wohl nicht unerfreut
darüber gewesen sein ... Kurzum: Hier kann auch der unbedarfte
Leser gleich richtig in den Genuss von Stallgeruch kommen.
Bibliographische Angabe
Don Alphonso, Kai Pahl (Hrsg.): Blogs! Fünfzehn
Blogger über Text und Form im Internet – und warum
sie das Netz übernehmen werden. Schwarzkopf & Schwarzkopf
Verlag, Berlin, 2004. ISBN 3-89602-600-3. 350 Seiten, EUR
24,90. |