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EXPERTEN EXKLUSIV: 14.12.2002
Marathonläufer für 2005
Von Email an Klaus Meier sendenKlaus Meier | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Vor gut einem Jahr ist der bisher einzigartige Studiengang Online-Journalismus an der Fachhochschule Darmstadt gestartet. Doch was nützt das innovativste Ausbildungsprogramm angesichts der Krise der Internet-Wirtschaft? Professor Klaus Meier ist davon überzeugt, dass Online-Journalismus zwar nicht mehr trendy ist, aber nach wie vor sexy.

Klaus Meier ist stellvertretender Leiter des Studiengangs Online-Journalismus an der Fachhochschule Darmstadt. (Foto: Benedikt Tüshaus)

Der Journalismus lebt von Aktualität und Schnelligkeit – und er passt seine Geschwindigkeit dem gesellschaftlichen Umfeld an. New Information und Fresh Money sind zentrale Motive der Gesellschaftsdynamik im 21. Jahrhundert. Als das Geschäft mit dem Internet boomte, konnte es vielen Medien gar nicht schnell genug gehen, irgendwo im Hinterhof eine eigene Online-Redaktion zu gründen. Hochschulen haben andere Geschwindigkeiten – aber auch eine andere Ausdauer und Perspektive. Ein Studium ist kein 100-Meter-Sprint, sondern ein Marathon.

Der Studiengang Online-Journalismus ist inzwischen gut ein Jahr alt – und dennoch weit entfernt davon, Absolventen für den Arbeitsmarkt zu entlassen. Wir bilden nicht für 2002 aus, sondern frühestens für das Jahr 2005, wenn die ersten Diplom-Online-Journalisten die Fachhochschule Darmstadt verlassen. Zurzeit studieren 86 angehende Online-Journalisten in Darmstadt: 36 im ersten und 50 im zweiten Jahrgang.

Dass sich ein Studium nicht an kurzfristigen Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt orientieren kann, liegt auf der Hand. Wir füllen das Curriculum auf Grundlage der breiten Erfahrungen der universitären Journalistik – unterfüttert mit soliden Forschungen zu Innovationen, Trends und Perspektiven der Medien. Hier ist sowohl ein fest gesteckter Rahmen als auch Flexibilität im Detail erforderlich.

Was ist neu?

Was ist anders und neu am Studiengang Online-Journalismus? – Während die traditionelle Journalistenausbildung an Hochschulen im Kern die herkömmlichen Medien im Blickfeld hat und die Online-Medien – je nach Interessenlage der Professoren – irgendwie dazu gepackt werden, steht an der FH Darmstadt das Digital Storytelling im Zentrum von Lehre und Forschung. Von dieser Warte aus lassen sich nicht nur Online-Medien betrachten, sondern auch alle traditionellen Medien und Darstellungsformen analysieren, begreifen und das journalistische Arbeiten umfassend trainieren. Nicht zuletzt geht es auch um das Zusammenspiel von Text, Bild, Audio und Video.

Was passiert mit den Printmedien, wenn inzwischen junge Menschen das Internet schon mehr nutzen als die Tageszeitung? Wie verändert sich das Fernsehen als WebTV und als Interaktives Fernsehen? Wie lässt sich via Internet die Unternehmenskommunikation optimieren? Dies sind nur drei beispielhafte Fragen, an denen sich zeigt, wie Online-Medien Journalismus und Public Relations verändern.

Spannende Perspektiven in zwei Berufsfeldern

Die Darmstädter Studentinnen und Studenten können sich im Hauptstudium auf eines von zwei Berufsfeldern konzentrieren: Online-Journalismus und Online-PR sind zwar nicht mehr trendy, aber nach wie vor sexy. Beide Berufsfelder haben spannende Perspektiven. Es gibt eine Menge Gründe, warum das Internet als Medium nicht nur überleben wird, sondern allmählich ins Zentrum der medialen Kommunikation und Vermittlung vordringt. Der Hauptgrund ist und bleibt die Tatsache, dass das Internet für Nutzer ein sehr attraktives Medium ist und die Zahl der Nutzer sowie die Nutzungszeiten permanent steigen.

  • Online-Journalismus: Wenn eine Redaktion das Internet als Ausspielkanal ignoriert, wird sie den Kontakt zu bestimmten Zielgruppen – vor allem zu jungen Zielgruppen – immer mehr verlieren. Das beschädigt die Marke und auch den traditionellen Verbreitungsweg. Zukunftsfähige Redaktionen integrieren das Internet in den traditionellen Newsroom und werden crossmedial gemanagt. Das ganze Material – Text, Foto, Video und Audio – liegt digitalisiert für alle Ausspielwege bereit. Natürlich muss ich die Story im Internet anders erzählen, in Print anders und im Fernsehen wieder anders – und natürlich brauche ich deshalb auch weiterhin Print-, Online- und Fernsehjournalisten, aber ich kann gemeinsam planen, Material und Recherchen in Teams austauschen, gemeinsam Themen setzen und eine Marke transportieren. Wer mehrmedial auf Basis digitaler Techniken arbeiten kann und Online-Medien versteht, hat an den Newsdesks zukunftsfähiger Redaktionen gute Aussichten.
  • Online-PR: Das Spektrum, in dem Online-Medien als Instrument der Public Relations eingesetzt werden können, ist breit. Das Intranet hat bereits in vielen Unternehmen die Mitarbeiterzeitschrift als Leitmedium interner Kommunikation erfolgreich abgelöst. Der externe Unternehmensauftritt im Web – flankiert durch persönliche E-Mails oder E-Mail-Newsletter – erfüllt viele Funktionen für unterschiedliche Zielgruppen, die mit traditionellen Medien nur schwer erreicht werden können: von der Customer und der Investor Relations bis zum Online Recruiting neuer Mitarbeiter und zum traditionellen Feld der Pressearbeit, der Umfeldkommunikation und dem Kontakt zu gesellschaftlichen Teilöffentlichkeiten. Die Bedeutung des Internets im Kommunikationsmanagement wächst zudem mit der steigenden Digitalisierung und Vernetzung aller Workflows in und zwischen Unternehmen. Das Internet ist ja nicht nur ein Medium, sondern eine neue Kulturtechnik.

Zweifaches Monopol

86 Studierende (Stand: 12/2002) lernen an der FH, Stories multimedial und internetgerecht zu erzählen. "30 bis 40 Diplom-Online-Journalisten wird der Arbeitsmarkt ab 2005 aufnehmen", glaubt Klaus Meier. (Foto: Benedikt Tüshaus)

Wir machen uns keine Sorgen, dass der Arbeitsmarkt ab dem Jahr 2005 jährlich 30 bis 40 Diplom-Online-Journalisten entweder im Journalismus oder in der Public Relations aufnehmen wird. Dass der Studiengang auch für Schülerinnen und Schüler attraktiv ist, zeigt die Bewerberzahl, die sowohl 2001 als auch 2002 bei ca. 270 Interessenten lag. Natürlich hängt die Attraktivität auch zum Teil am zweifachen Monopol: Der Online-Journalismus-Studiengang in Darmstadt ist der einzige Vollstudiengang in Hessen, der konkret für Journalismus und Public Relations ausbildet. Da wir (noch) der einzige deutsche Studiengang sind, der sich auf Online-Medien spezialisiert hat, ist natürlich auch das Interesse bei Bewerbern aus anderen Bundesländern hoch. Nebenbei bemerkt: Der Trend zum "Frauenberuf Journalismus" bestätigt sich: In beiden Jahrgängen sind 60 Prozent der Studierenden weiblich.

Universität oder Fachhochschule?

Wo ist ein Journalistik-Studium besser aufgehoben: an der Universität oder an der Fachhochschule? – Die beste Hochschulausbildung von Journalisten trifft sich meiner Meinung nach in der Mitte: Ohne Praxisbezug geht ein Universitätsstudium an der redaktionellen Realität vorbei – und ohne Forschung und wissenschaftliche Analyse und Reflexion wäre ein FH-Studium rein schulisches Lernen, quasi eine auf vier Jahre verlängerte Journalistenschule.

Natürlich ist die Forschung an Unis eher grundlagen-orientiert, an FHs eher anwendungsorientiert. Aber gerade das nützt der Journalistenausbildung an Fachhochschulen. Wir haben zum Beispiel im Forschungs- und Lehrprojekt "Trimediales Publizieren" in Zusammenarbeit mit zwei Partnern aus der Medienwirtschaft experimentell getestet, wie ein Thema crossmedial für verschiedene Plattformen – u.a. Internet und Interaktives Fernsehen – produziert werden kann (siehe externer LinkProjektbeschreibung).

Es hat in Deutschland schon Tradition, dass Praktiker die Nase rümpfen über Journalistenausbildung an Hochschulen. Ich war überrascht, dass uns bei diesem neuen Studiengang viele Verantwortliche in Journalismus und Public Relations nicht Skepsis, sondern hohe Erwartungen entgegenbrachten. Das liegt vermutlich daran, dass Online-Journalisten nicht auf eingefahrene Traditionen nach dem Motto "Das haben wir schon immer so gemacht" zurückgreifen können und sogar erfolgreiche Redaktionen unsicher sind.

Hier setzt anwendungsorientierte Forschung an – und eine Ausbildung, die nicht als Durchlauferhitzer angelegt ist, sondern Zeit bietet, sich intensiv und extensiv mit der Funktionsweise neuer interaktiver Medien, ihrer Nutzung sowie ihrem ökonomischen, juristischen und gesellschaftlichen Umfeld zu beschäftigen.

Web-Köpfe
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