| STUDIENGANG ONLINEJOURNALISMUS |
01.01.2002 |
| "Für unsere
Experten wird es einen Markt geben" |
Von Fiete
Stegers | Homepage |
 |
Seit Oktober lernen 40 Studierende die Grundlagen des
Journalismus, werkeln an Multimedia-Projekten und müssen
sich obendrein in Fremdsprachen fit machen. Fürs Berufsziel
Online-Journalismus und das entsprechende Diplom. Die Fachhochschule
Darmstadt hat dafür als erste einen eigenen Studiengang
eingerichtet. Die Krise der New Economy hat den Optimismus
nicht getrübt.
Trotz Dot-Com-Doom flattern der Fachhochschule Darmstadt
286 Bewerbungen ins Haus, als sie im Frühjahr 2001 den
ersten Diplom-Studiengang Online-Journalismus ausschrieb.
Die Planungen für die Einrichtung hatten im Jahr zuvor
begonnen, als die deutschen Online-Redaktionen kräftig
ausbauten und händeringend nach Spezialisten suchten,
die die Darstellungsformen des neuen Mediums beherrschten.
Inzwischen hat sich die Lage umgedreht: Auch große
Medienhäuser setzen den Rotstift bei den Online-Redaktionen
an, die vielleicht Innovation vermitteln, aber ganz sicher
Millionen schlucken. "Der Hype ist weg, es hat sich konsolidiert,
und das ist gut", kommentiert Professor Peter Seeger
die Entwicklung. Der Leiter des Studiengangs Online-Journalismus
glaubt nicht, dass auf seine Studierenden die Arbeitslosigkeit
wartet: "Die Internetnutzung ist aus dem Alltag nicht
mehr wegzudenken. Für unsere 40 Experten pro Jahr wird
es einen Markt geben."
Den Markt sieht Seeger nicht nur bei den Online-Ablegern
traditioneller Medien: Auch Kommunen und Unternehmen bräuchten
professionell ausgebildete Redakteure für ihre Web-Angebote.
Die Darmstädter Studierenden können sich deshalb
im Hauptstudium wahlweise auf die Richtungen Online-Journalismus
oder Online-PR spezialisieren.
Die ersten Absolventen wird es in Darmstadt ohnehin erst
im Jahr 2005 geben. Das Studium ist auf acht Semester angelegt
und stark praxisorientiert. Ein Praxis-Semester verbringen
die Studierenden komplett in einem Betrieb. Das letzte halbe
Jahr ist für die praktisch angelegte Diplomarbeit vorgesehen:
Die künftigen Online-Journalisten sollen ein Thema für
das Netz aufbereiten um zu zeigen, was sie gelernt haben.
Bis dahin ist der Stundenplan vollgepackt: Jedes Semester
steht ein praktisches Multimediaprojekt im Mittelpunkt. "Es
soll aber keine vierjährige Journalistenschule sein",
betont Klaus Meier. Der Autor des Standardwerkes "Internet-Journalismus"
vertritt in Darmstadt die noch nicht besetzte Professur für
Journalistik. Meier, zuvor an den Universitäten Eichstätt
und Bamberg tätig, legt Wert auf den wissenschaftlichen
Anspruch des Studiums. Die Studierenden besuchen Veranstaltungen
in Sozial- und Kulturwissenschaften, Recht und Informatik.
Ein Novum in der Journalistenausbildung: Alle Studierenden
sollen am Ende des Studiums auch in einer Fremdsprache journalistisch
arbeiten können.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Keine vierjährige
Journalistenschule: Dozent Klaus Meier legt Wert
auf thematische und mediale Flexibilität der
FH-Absolventen. Ebenso wichtig ist für ihn
aber auch die sozialwissenschaftliche Unterfütterung
des Studiums. (Foto: privat) |
|
 |
 |
 |
 |
Für ein eigenes Nebenfach bleibt aber keine Zeit: Ehrgeizig
setzen sich die Darmstädter das Ziel, für die journalistische
Arbeit nötiges Sachwissen - z. B. im Bereich Politik
oder Kultur - durch thematische Ausrichtung der Projekte mitzuvermitteln.
"Wir wollen ganz klar den Generalisten ausbilden",
sagt Meier. In den dünn besetzten Internet-Redaktionen
sei nach wie vor kein Platz für Ressort-Spezialisten,
sondern thematische Flexibilität gefragt, ergänzt
Seeger. Angst vor Chefredakteuren alter Schule, die bei Einstellungsgesprächen
Kandidaten mit Fachstudium vorzögen, bräuchten Darmstädter
Absolventen nicht zu haben, meint Meier: "Sowas ist heute
die Ausnahme. Diplom-Journalistik hat sich etabliert."
Die künftige Journalisten sollen die Chance haben, auch
bei anderen Medien unter zu kommen: Deshalb stehen semesterweise
Hörfunk-, Fernseh- und Printjournalismus auf dem Stundenplan.
"Aber immer mit Bezug zum Internet, etwa, wie man einen
Radiobeitrag online aufbereitet", betont Seeger. Online,
"in der normalen Journalistenausbildung das fünfte
Rad am Wagen" (Seeger), bleibt Schwerpunkt.
Die Darmstädter wollen sich ein professionelles Redaktionssystem
anschaffen und die Ausbildung möglichst an aktuellen
Entwicklungen orientieren. Seeger sieht kein Problem darin,
mit dem rasanten Veränderungen des Online-Mediums Schritt
zu halten. "Natürlich werden sich die Produktionstechniken
gewaltig ändern. 2005 nicht mehr um JPGs und GIFs gehen",
räumt er ein. "Aber die Schlüsselfragen bleiben
gleich: Wie setze ich Interaktivität ein? Welche rechtlichen
Fragen muss ich beachten?" Wichtig sei die Kompetenz,
sich fortbilden zu können.
Von den Studenten des ersten Jahrgangs wird außerdem
Flexibilität und Gelassenheit gefordert. "Ich hatte
schon erwartet, dass ein bißchen drunter und drüber
gehen würde", meint Nicole Pavlovic, 19. Trotzdem
seien die meisten ihrer Kommilitonen nach wie vor begeistert.
Ähnlich sieht es Katharina Golka, 19: "Wir können
noch etwas mitbestimmen. Und inzwischen gibt es auch Laptops,
die wir über die Ferien ausleihen dürfen."
Dozent Klaus Meier verspricht sich davon auch pädagogische
Vorteile: "Ich hatte schon befürchtet, dass ich
in einem Computerraum unterrichten müsste, in dem man
hinter den Bildschirmen die Studenten nicht mehr sehen kann."
Zuerst erschienen in Medium Magazin 01/2002.
|